ZODIAC
Am letzten Standplatz der Zodiac habe ich geweint. Ich war der Letzte in der Wand Marc, Bart und Olivier waren bereits drausen, auch unser haul-bag war schon weg, ich war alleine mit dem Wind, der Sonne und der Tiefe unter meinen Füßen, die in den Leitern standen. Nur das fixierte Seil lief über den Abschlußüberhang hinauf zu den Bohrhaken und den rivets am Ausstieg. Dieser dünne Nylonfaden, der wieder mein ganzes Gewicht halten mußte wenn ich da hochjugge. Langsam baute ich den Standplatz ab, klinkte die Jumars in das Seil und löste mich vom Stand, schwang hinaus in die Luft und pendelte hinaus, 800m Tiefe gähnten unter mir auf und die Wand schoß konkav unter mir davon. Während ich die letzten Meter hochjuggte verschwand die Sonne hinter der Kante der Nose. Auf der anderen Seite des Tales glühten die Cathedrals und der Sentinel im Abendlicht, tief unter mir glitzerte der Merced im Sonnenlicht. Noch zwei, drei anstrengende Züge an den Jumars, die hingen wieder am Fels fest und es war wie immer herb schwer sich wegzudrücken, damit der Führungsjumar über die Kante geschoben werden konnte. Dann war ich drausen, keine Tiefe mehr unter mir, fester Boden unter den Füßen, um mich herum sah es aus als ob ein Klettergeschäft genau hier explodiert wäre überall Seile, Haken, Friends, Keile, haul-bags, Gurte und Schlingen. Zwischendrin taumelten Marc, Bart und Olivier herum, als wären sie geistig umnachtet. Mir ging es nicht viel besser, sobald ich den ersten Fuß vor den anderen gesetzt hatte, legte es mich der Länge nach auf die Nase und das nur drei Meter von der Ausstiegskante entfernt. Fünf Tage in der Wand und schon hatten wir den aufrechten Gang verlernt. Wir lagen uns abwechselnd in den Armen. Ich schaute mir die neue Landschaft an, der Half Dome und die High Sierra im Hintergrund, ansonsten nur Kiefern, Granitbuckel und geröllgefüllte Rinnen. Vollkommene Einsamkeit und als wir uns nach ein paar Minuten beruhigt hatten, uns hingesetzt hatten, eigentlich nur müde und gedankenverloren vor uns hingeschaut hatten, da war die Stille laut und deutlich hörbar. Wir hatten noch Wasser aus der Wand herausgezogen, sogar noch vier Büchsen Bier und Essen ohne Ende gaben unsere haul-bags her, die Schlacht ging los. Olivier vernichtete systematisch die bagles, wir tranken Wasser und Bier bis es uns aus den Ohren herauslief. Dann setzte die Dämmerung langsam ein und über der High Sierra glühte der Horizont, in den Wäldern um uns herum begann das Nachtkonzert der Zikaden und wir zündeten uns ein Feuer aus Kiefer- und Zedernholz an. Das Feuer duftete würzig und es ließ uns langsam aber sicher schön schläfrig werden. Marc, Bart und Olivier lagen vor dem Feuer auf dem Boden, sprachen miteinander, flackernd tauchten ihre Gesichter im Schein des Feuers auf, meine Gedanken begannen durch die letzten Tage zu wandern. Erst waren es nur einzelne und unsortierte Bilder der Ereignisse, doch dann lies ich die vergangenen Tage in meinem Geiste vorübergleiten. Vor fünf Tagen knüppelten Marc und ich in aller Frühe unser Material zum Einstieg der Zodiac, dazu mußten wir vom Parkplatz in den Meadows relativ eben bis unter den Einstieg der Nose laufen, dann ging es nach rechts, immer am Wandfuß der Südostwand des El Captain entlang, sehr steil hinauf bis unter die Zodiac. Beim ersten Transport waren wir noch im Schatten, doch die Lufttemperatur reichte schon aus, um uns im Schweiß zu baden, auch mußten wir höllisch auf der Hut sein, denn wir liefen unter Routen entlang in denen schon Seilschaften hingen Mescalito, P. O. Wall und Tangerine Trip-und es war die Zeit, zu der schon einmal ein shitbag fliegen konnte oder verschlafenen Fingern ein Haken, Friend oder ein ganzer haulbag entgleiten konnte. Letzteres geschah vor zwei Tagen in der P. O. Wall, die Reise zum Wandfuß traten zwei haulbags und ein portaledge an, der Impakt war enorm. Die Seilschaft war pretty fucked up" und bei den Rangern gab es Großalarm, weil alle dachten die gesamte Seilschaft sei aus der Wand geflogen. Für diese frühen Runde hatten wir uns die schweren Brocken aufgeladen. Marc eierte mit der blauen Tonne durchs Geröll und ich kämpfte mich mit dem Grade V-bag durch durch die Landschaft. Bei Marc war das ganze Wasser verstaut, etwa 50 Liter Wasser gluckerten auf seinem Rücken herum, ich holte mir einen krummen Rücken mit dem ganzen Klettermaterial, dem Essen für vier Tage und dann noch die Seile, da kamen auch nochmal 40 Kilo zusammen. Völlig abgekämpft kamen wir am Einstieg an und trafen auf eine Seilschaft, die gerade den Rückzug angetreten hatte. Denen ist das portaledge in der Nacht zerbrochen, Pech für die, aber gut für uns freie Bahn. Von einer japanischen Seilschaft hingen noch ein paar fixierte Seile im Originaleinstieg. Ein Zettel am Einstieg warnte jeden davor diese Seile zu benutzen. In schlechtem Englisch prophezeiten die Asiaten jedem, der die Seile berühren oder gar an ihnen aufsteigen würde, eine finstere Zukunft an. Später bauten die Japaner die Seile wieder ab, ihr Kampfgeist hatte sie über Nacht verlassen. Dann hingen noch ein paar brandneue Statikseile bis hoch zur dritten Länge, von Belgiern angeblich. Doch von denen war weit breit nichts zu sehen. Wir waren froh, daß Alles so gut lief, jagten die Geröllhalde hinab und trugen die zweite Ladung hinauf. Diesmal liefen wir voll in der inzwischen aufgegangenen Sonne und das war nicht weniger hart als beim erstenmal, obwohl die Rucksäcke nicht mehr so schwer waren wie die Geräte beim ersten Einsatz. Die Sonne brannte uns das Hirn zu Brei. Ich hatte immer ein Auge auf jeden größeren Geröllbrocken, da es auch an der Zeit war, daß die Klapperschlangen herauskommen konnten und mit dem Gepäck auf dem Buckel wären wir nicht gerade die Schnellsten gewesen, sollte uns so ein Biest nachstellen, weil es uns mit seinem Frühstück verwechselt. Außerdem hatte uns Brian noch eine story von einer Mojave Green am Einstieg der Zodiac mit auf den Weg gegeben. Diese Viehcher können richtig aggressiv werden und so begannen wir am Einstieg sofort mit der Packerei der bags für die Tour, verstauten die Rucksäcke unter einem Stein und dann waren wir auch schon schon fertig, um loszulegen. Ich hatte die ehrenvolle Aufgabe die erste Seillänge zu steigen. Das Abenteuer, auf das ich so viele Jahre gewartet hatte, konnte beginnen. Um Zeit zu gewinnen und um unseren Adrenalinspiegel auf ein angemessenens Niveau zu peppen, entschieden wir uns für den Direkteinstieg. Einmal konnten wir so in einer langen Seillänge die ersten beiden Längen aneinander hängen, uns blieb der ätzende Quergang unter dem Dach erspart und zum zweiten ging es subito mit copperheads und hooks zur Sache, sodaß ich, kaum daß ich fünf Meter vom Boden weg war, schon voll in die Trickkiste der Technokletterei greifen durfte, um an Höhe zu gewinnen. Inzwischen war auch noch eine fränzösische Seilschaft am Einstieg aufgetaucht. Die mußten warten und das gefiel denen gar nicht. Als sie dann noch sahen was in der ersten Länge angesagt war, da fingen die doch glatt an den fixierten Seilen der Belgier hochzujuggen und mit dieser Aktion hatten sie sich vor uns gesetzt. Ich kochte innerlich vor mich hin und verwünschte die beiden Franzosen aus tiefstem Herzen. Im Direkteinstieg bastelte ich mich langsam aber sicher zum ersten Standplatz hoch, den inzwischen die Franzosen voll belegt hatten. Die hook- und copperhead-Passagen im Direkteinstieg wurden weiter oben, als ich wieder in der Originalroute war, durch eine expandierende Schuppe abgelöst, die sich aber ganz passabel mit kleinen TCU´s absichern lies. Als ich dann unterm Stand ankam hing die Fränzösin immer noch dort und ihr lover bastelte verzweifelt in der dritten Länge herum ohne auch irgendwie Land zu gewinnen. Ich hing an fragwürdigen Keilen in der expandierenden Schuppe und meldete meine Bedenken, ob denn das so fair sei, was die hier treiben, in meinem besten Französisch bei der Französin an. Als sich nichts tat benutzte ich ein paar unmißverständliche Vokabeln und dann gab der Meister auch schon auf, hangelte sich am Seil der Belgier zum dritten Stand und seine Freundin räumte den Standplatz für mich. Als ich mich am Stand eingerichtet hatte war es an mir die haulbags hochzuziehen. Beim ersten Pumpen geschah garnichts, ich mußte in den vollen bodyhaul gehen, bis sich die Dinger überhaupt bewegten und so geißelte ich die Monster unter Flüchen zu mir hinauf. Ich hatte einen riesigen Hass auf die Franzosen, die inzwischen wieder abgeseilt waren und ihre Seile fixiert hatten, um übermorgen dann endgültig einzusteigen. Ich war kurz davor denen die Seile wieder runter zu werfen, doch dann lies ich meiner Wut beim haulen freien Lauf und alles war wieder in Ordnung. Marc cleante die Länge und dann entschieden wir uns auch dazu die dritte Länge an den Seilen der Belgier hochzusteigen, da wir durch die Warterei auf die Franzosen viel Zeit verloren hatten. Am dritten Stand bauten wir das portaledge auf. Was für eine Wohltat sich setzen zu können und beeindruckend war auch, wie ausgesetzt das Ganze schon nach nur 180 Metern kommt. Über uns bäumte sich die Wand unerbittlich auf Noch viele Fragezeichen hingen da oben über unseren Köpfen, harte Längen, teilweise mit pancake"-Potential, zwei bad fall"-Längen und eine Menge expanding flakes, für Unterhaltung war auf alle Fälle gesorgt. Das geisterte in unseren Köpfen herum, als wir im portaledge lagen und den Schatten zuschauten, wie sie langsam aus dem Tal hinaufkrochen. Und noch was kroch hinauf, die Belgier. Die kamen an ihren Fixseilen herauf und als es stockdunkel war kamen sie bei uns an und kletterten noch die vierte Länge im Schein der Stirnlampen, fixierten von dort wieder hinab zum Boden und wollten in ein oder zwei Tagen endgültig einsteigen. Wir hatten wenig Gelegenheit miteinander zu reden, zu angespannt war Olivier beim Sichern von Bart, der in stockdunkler Nacht die A2-Länge vorstieg und dessen Strinlampe verzweifelt über uns herumfunzelte, als er eine expanding flake mit leeper-hooks austrickste. Als Bart den Stand erreicht hatte, verschwand auch Olivier und wir waren wieder alleine. Aus den Meadows kamen die Geräusche von Insekten zu uns hinauf, Autos zogen ihre Lichtspuren und eine Büchse Bier wog uns in den Schlaf. Irgendwann in der Nacht ging der Mond über den Cathedrals auf und er tauchte die Wand über uns in ein fahles, gespenstisches Licht. Die Kanten und Verschneidungen warfen Schatten in die silbrige Wand und der El Captain über uns sah wie ein riesiger Faltenrock aus. Mir war als ob er sich in der leichten Nachtbrise bewegte. Ich schlief gut, doch träumte ich völlig wirres Zeug und kurz vor dem Aufwachen krochen die Ängste heran, das Abwiegen unserer Situation und die Sorgen über das Wetter beherrschte meine Gedanken. Doch sobald ich wach war gab es keine Bedenken mehr. Wir frühstückten, Marc pinkelte vom portaledge in die Tiefe (leider auf die Belgier, die am Einstieg biwakierten) und dann war ich mit dem Vorstieg an der Reihe. Der Tag fing gut an, zunächst Freikletterei mit voller Ausrüstung und in den wall-Schuhen, ein Quergang an recht fragwürdigem Fels und dann nach 20 Metern die ersten technischen Passagen zu einer expandierenden Schuppe. Vorsichtig mühte ich mich über das Ding hinweg, die Schuppe bog sich heraus wie eine Tür im Wind, ja keine Haken schlagen und overcamming war angesagt. Dann lagen wieder fette Friends und mir wurde deutlich wohler. Die Sonne ballerte inzwischen auf uns hernieder und am Stand war mein Hals wie Sandpapier. Das haulen gab mir noch einen drauf und ich hatte die Säcke erst am Stand als Marc schon bei mir war. Er schnappte sich das Material und ging die fünfte Länge an, die man mit der sechsten Länge zusammenhängen konnte wenn man ordentlich backcleant. Links von uns zog eine Bohrhakenleiter über überhängenden, glatten Granit in die Höhe, ein paar heroische hookmoves brachten Marc zum ersten Bohrhaken und dann ging es mit Vollgas die Bohrhakenleiter hinauf. Vom fünften Stand lies er sich ab und er holte das gesamte Material wieder aus den Sicherungen, dann stieg er in die sechste Länge ein, die einen besonderen technischen Leckerbissen bot, der Marc ganz schön kalte Füße besorgte. Ein inverted camhook mußte plaziert werden, um einen kleinen Überhang zu überwinden, eine schöne wackelige Sache, doch er stabilisierte den hook mit einer Ladung duct-tape und so paßte es. Ich juggte sofort los, als von Marc die Nachricht kam, daß er am Stand angelangt war. Am Zwischenstand mußte ich mich nach links herauslassen, da Marc im Quergang das gesamte Material entfernt hatte. Plötzlich gab es einen Ruck und einen peitschenden Knall und ich flog im hohen Bogen durch die Luft, ich erschrak bis ins Mark. Das Seil, an dem ich hing, fegte über die Kante des Überhangs und ich hatte riesiges Glück, daß es dabei nicht gerissen war. Auch hätten sich die Steigklemmen aus dem Seil ausklinken können. Dieses worst case scenario trat zun Glück nicht ein das war knapp. Mir schlug das Herz bis in den Hals und Marc lugte vom Stand kreidebleich zu mir hinab. Ich fand meine Fassung bald wieder und juggte die letzten Meter zum Stand hoch, dabei verfluchte ich die alten Schlingen am Zwischenstand, die dort zerfetzt im Wind baumelten. Marc war klar, daß ich für die nächste Länge nicht unbedingt gut in Schuß war. Ohne ein Wort zu verlieren schnappte er sich die Ausrüstung und stieg weiter vor. Ein windiger Quergang brachte ihn unter den schwarzen Turm und hier ging die Nagelei los, das Seil glitt mir nur in Millimeterschritten durch das Gri-Gri, die Zeit verstrich wie eine zähe Masse und von Marc hörte ich nur, daß es ganz übel aussah. Ich hatte genügend Zeit den mächtigen Gewitterwolken zuzuschauen, die sich auf der anderen Talseite zusammenballten. In Richtung der High Sierra wurde das Gewölk mächtig schwarz, ein brummelndes Donnergrollen war zu hören meine Fresse, dachte ich mir, hoffentlich bekommen wir keinen reingedrückt, ein Gewitter würde uns hier noch fehlen. Marc gab inzwischen Alles im Riß über dem schwarzen Turm, auch er hatte den Donner gehört und Gewitter machen bekanntlicherweise Beine. Schlechte Haken, meistens abgesägte Profilhaken, schlechte Keile nicht Stürzen! Nur kein Sturz! Marc hätte alle Sicherungen herausgerissen und er wäre auf den schwarzen Turm aufgeschlagen. Langsam und voll konzentriert arbeitete er sich hinauf, es dauerte Ewigkeiten bis der erlösende Standruf von oben erschallte. Als ich zum Standplatz kam fing es schon an zu dämmern. Ein kleines Band ermöglichte ein gemütliches Aufbauen des portaledges. Nachdem wir uns eingerichtet hatten, galt der erste Blick dem Wetter. Die Wolken sahen bedrohlich aus, doch ein Rückzug von hier wäre schon mehr als problematisch gewesen. Also begannen wir mit unserer allabendlichen Prozedur. Raus aus den Schuhen, Essen kochen und die Flüssigkeitsspeicher auffüllen. Marc füllte dann noch die erste Ladung in unsere shit-tube. Dann krochen wir in die Schlafsäcke und starrten in die Nacht. Zwischen dicken Wolkenbatzen linsten die Sterne hervor, vielleicht war das heute nur eine kleine Störung und morgen schaut es schon viel besser aus. Auch sahen wir, daß die Belgier inzwischen einen Standplatz unter uns ihre portaledges aufschlugen, nun waren wir nicht ganz so alleine. Über uns türmte sich der zentrale Wandteil auf, die nächsten Längen gehören zu den Härtesten der ganzen Route. Die dihedral pitch, der Nipple, Mark of Zorro, Lunar Eclipse, alle A3 oder C3 bis C3+, früher waren das Alles A4 oder A5-Längen, also höchst kniffliges und heikles Gelände, das den Weg in den oberen Wandteil eröffnet. Trotz dieser Aussichten schlief ich ganz friedlich, in der Nacht schaute ich in den Wachphasen öfters zum Himmel, immer noch Wolken, doch in den Morgenstunden klarte es wieder auf. Nur im Westen hingen bedenkliche Schleierwolken und auch der Wind wehte aus einer Richtung, die nichts Gutes verhieß. Ich hielt aber meinen Mund, da ein Umkehren zu diesem Zeitpunkt sowieso nicht mehr möglich gewesen wäre. Am Morgen trat ich dann meinen Weg zur shit-tube an, eine ganz schön wackelige Angelegenheit im portaledge zu stehen, mit heruntergelassenen Hosen, den Gurt unter den Armen in ungemütlicher Hockstellung die Tüte zu treffen, aber das Geschäft lief ohne Flecken ab. So erleichtert ging ich die achte Seillänge an, es begann mit heikler Freikletterei im sechsten Grad und dann kam ich in den Grey Circle. Die Felsfarbe änderte sich von schwarz in grau-grün, pickelfest das Zeug und es paßten nur kleinste RP´s in die Rißspuren. Sobald ein RP lag fiel einer unter mir aus dem Riß und nach ein paar Metern wäre ich bei einem Fehler unbarmherzig nach dreißig Metern Flug in eine Felsspitze eingeschlagen. Marc erzählte mir später, daß er hier die meiste Angst verspürt hatte. Ich hatte keine Angst, ich war mir zwar im Klaren, daß hier akutes pancake-potential herrschte, doch ich wollte raus aus diesem Horror und das war nur im Vorwärtsgang möglich. Aufatmend klinkte ich dan ein paar fixierte verrottete RURP´s und schlug dann noch einen copperhead dazu. Das Gröbste lag hinter mir und vor dem Stand begann ich übermütig eine expandierende Schuppe mit leeper-hooks zu klettern, plazierte dann noch einen Alien hinter diese Schuppe indem ich sie einfach vom Fels wegklappte und das Teil dahinterschob. Am Stand war die Ausgesetztheit vollkommen, es hing alles über, der haulbag schwang frei in die Luft und das haulen war schon viel leichter. Dafür verabschiedete sich das herrliche Wetter. Pechschwarze Wolken standen über der gegenüberliegenden Talseite und als Marc in der Mitte der nächsten Seillänge hing ging die Post ab. Blitze schlugen auf der anderen Talseite ein, einer nach dem anderen, es kübelte wie aus Eimern, aber zum Glück hing alles so stark über, daß wir vom Regen nichts abbekamen. Doch die Windböen fegten ab und zu Regenschleier zu uns in die Wand und die Seile wedelten durch die Luft. Marc gab Gas, obwohl auch diese Länge nicht einfach war und ihre Tücken hatte. Die Belgier unter uns gaben ebenfalls Alles, um sich in der relativen Trockenzone des Grey Circle zu etablierten. Als Marc den Stand unter der nipple pitch eingerichtet hatte jagte ich wie eine Rakete am fixierten Seil zu ihm hinauf, so allmählich hatte ich diese elende Schinderei im Griff. Am Stand beratschlagten wir, wie es weitergehen sollte noch die nipple pitch machen und dort das portaledge aufschlagen, oder am Stand der neunten Länge bleiben. Das Wetter sah immer noch ganz mies aus und bevor wir in irgendwelchen Sturmböen in stockdunkler Nacht das ledge aufschlagen mußten.....Dann lieber jetzt, obwohl das einen Zeitverlust bedeutete. Also organisierten wir uns am Stand, bauten das ledge auf und zogen den Regenschutz darüber. Wir schauten den Belgiern zu, wie sie langsam zu uns hinaufgekletterten. Das war ein merkwürdiges Gefühl. Wir im relativ sicheren Hafen des ledges, der Kocher brummte gemütlich vor sich hin und ein paar Meter untere uns konnten wir das weiße in Oliviers Augen sehen, als er sich eine finstere copperhead-Passage hochfürchtete. Er hatte sein komplettes Regenzeug an, denn unten am achten Stand hatte sie der Regen voll erwischt. Olivier hing dann an ein paar Bohrhaken links neben uns und Bart holte das ganze Material aus der Seillänge. Da für zwei ledges kein Platz an diesem Stand war, stieg Bart in die nipple pitch ein. Das Wetter hatte sich ein wenig beruhigt. Wetterleuchteten lies die High Sierra erstrahlen und es regnete noch ganz gewaltig. Es wurde schnell dunkel und Bart kletterte die nipple pitch in stockfinsterer Nacht. Olivier wurde am Stand fast blöde, es wurde unangenehm kalt und das Gelände, das Bart gerade kletterte, wäre schon tagsüber ein wilder Ritt gewesen, der Vorstieg bei Nacht war fast ein Himmelfahrtskommando. Wir heiterten Olivier mit Bier und Aprikosen aus der Büchse auf, hatten genügend Zeit miteinander zu reden und wir faßten den Plan unsere Kräfte in einen Topf zu werfen, da auch ihnen das Wetter nicht ganz koscher erschien, sodaß wir uns ab hier mit vereinten Kräften aus der Wand boxen wollten. Nachts um elf erreichte Bart dann den Stand unter dem Mark of Zorro. Olivier juggte nach und er fixierte für uns ein Seil, sodaß wir am nächsten Tag nicht soviel Zeitverlust hatten, sollte das Wetter ein Weitersteigen zulassen. Die Nacht war mild, eine dichte Wolkendecke spannte sich über uns und mir wurde bewußt, daß der letzte regensichere Standplatz der Stand über uns war. Sollte es weiter oben wieder wären, dann hätten wir ordentliche Probleme bekommen. Am nächsten Morgen war alles eine graue Suppe. Wir warteten bis Bart und Olivier loslegten und der Stand unter dem Marc of Zorro frei wurde. Dann juggten wir das über 60 Meter freihängende Seil hinauf. Mit 600 Meter Luft unter dem Hintern kam mir das Seil dünn wie ein Bindfaden vor. Zuerst lies ich Marc hinaus und als er oben war, mußte ich mich an einem Seilschwanz selbst ins Freie hinauslassen. Ich hatte keine Angst. Ich ärgerte mich nur darüber wie anstrengend dieses juggen war. So langsam machte sich die physische und psychische Anstrengung der vergangenen Tage bemerkbar. Am Stand angekommen war ich völlig erledigt und hing japsend in den Seilen. Marc eilte dann die Zorrolänge hinauf. Diese beeindruckte durch einen Doppelüberhang, viele fixierte Haken steckten darin und mit unserem cheater stick machte er nochmals mächtig Zeit gut. So holten wir die Belgier wieder ein, Marc und Olivier kümmerten sich um die haul bags, Bart stieg die Lunar Eclipse Länge vor und er fixierte für uns ein Seil. Ich mußte deshalb am Stand unter der Zorrolänge einige Zeit warten und als ich an der Reihe war juggte ich sofort bis zum Stand der zwölften Länge durch. Sobald ich über dem Mark of Zorro war, veränderte sich die Felsfarbe. Wir hatten den Grey Circle verlassen und befanden uns jetzt im oberen Wandteil, der aus herrlichem goldgelben Granit bestand. Am Standplatz erwarteten mich schon Bart und Olivier und ich begann damit den Stand zu organisieren. Hier wollten wir die Nacht verbringen. Obwohl es wieder riesige Haufenwolken gab, sah das Wetter viel besser aus. Das Licht war anders als die letzten Tage, irgendwie schien die Luft klarer zu sein und wir hatten Glück gehabt, daß die Störung durchgezogen zu sein schien. Als Bart den Stand verließ, haulte ich unser Material zu mir hoch und Marc war dann auch recht schnell bei mir. Wir konnten den Gipfel förmlich riechen. Noch vier Seillängen und wenn alles glatt läuft, wären wir am nächsten Tag aus der Wand. Gipfeleuphorie machte sich breit, doch die mußte unterdrückt werden, denn die perlt wie Sekt im Kopf und macht leichtsinnig, noch warteten ein paar haarige Seillängen. Wir bauten das ledge auf und obwohl es ein enger Stand war, bekamen wir alles paßgenau in Position. Als wir endlich wieder sitzen konnten, präsentierte sich der Himmel sternenklar. Wir freuten uns wie Kinder über das Funkeln der Sterne, ich machte mir das Vergnügen die bekannten Sternbilder zusammenzubasteln und zeigte Marc den Jupiter und den Saturn, die hell im Südosten flimmerten. Wir kochten groß auf, tranken unsere Bierration und spielten Karten. Marc mußte sich gefallen lassen, daß ich ihn gnadenlos abzog, den aktuellen Spielstand teilten wir Bart und Olivier mit, die sechzig Meter über uns auf dem peanut ledge hingen und sehr interessiert waren zu erfahren, wer von uns als Skatkönig aus der Wand steigen wird. Nach einer letzten, monumentalen Niederlage von Marc, stiegen wir in die Schlafsäcke und schauten in den brillianten Sternenhimmel der Sierra alles war wieder gut, entspannt schliefen wir ein und ich war etwas traurig darüber, daß wir am nächsten Tag aus der Wand aussteigen würden. Der nächste Morgen unser letzter Morgen in der Wand brach an wie ein Bilderbuchtag. Keine Wolke am Himmel, die Wand fuhr eine kühle Brise hinauf und die Falken stürzten wie Stukas an unserem portaledge vorbei in die Tiefe. Gleiches taten zwei BASE-jumper, die vom diving board über der Nose abgesprungen waren. Zwei schwarze Punkte fielen mit irrsinniger Geschwindigkeit durch die Luft und dann, wie ein Granatenknall, öffneten sich die Schirme, aus allen Touren jubelte es heraus und die BASE-jumper schrien wie am Spieß ihr Adrenalin in die Welt. Dieser Tag fing gut an, wir frühstückten gemütlich, tranken Kaffee satt und füllten die shit tube bis zum Rand auf. Oben bei den Belgiern war auch schon action Gipfeltag! Nachdem wir unser ledge und den Stand abgebaut hatten, machte Marc weiter. Zunächst führte eine Bohrhakenleiter ins Nichts, dann folgten mehrere hook-moves und abgerundet wurde das Ganze mit einem Pendelquergang an einem captain-hook, der mit duct tape am Fels stabilisiert wurde. Marc forderte volle Aufmerksamkeit von mir, dann pendelte er einen Riß an, alles hielt und sobald seine Hände im Riß klemmten klimperte der hook das Seil hinab YEEHAH!! Die Belgier hatten von oben zugeschaut und jubelten, ich feuerte Marc den Rest der Länge zum Stand hoch. Dann verlies ich unseren letzten Schlafplatz in der Wand und holte die dürftigen Sicherungen aus der Wand heraus, die Marc auf seinem Weg plaziert hatte. Auf dem peanut ledge endlich wieder einmal ein Plätzchen auf dem man stehen und laufen kann, endlich konnte ich ganz ausgelassen pinkeln und Marc haulte, wie ein Schwerstarbeiter, die Säcke auf das Band. Die Sonne brannte wieder mit voller Kraft und ich war froh zu sehen, daß die nächste Seillänge eine schattenspendende Verschneidung war. Hier sollten die dicken Glocken zum Einsatz kommen, auf fünfzig Meter paßten nur der Camalot 4 und der Camalot 5, frog-hopping war angesagt, lege den 4er und ziehe den 4er unter Dir wieder heraus, so ging es Schritt für Schritt weiter. Das Vorstiegsseil baumelte über der Tiefe, doch die Cams lagen bombig, oben im Dach lagen auch wieder kleinere Friends und die Lage entspannte sich nachhaltig. Nur der Wind, der die Wand hochblies, bereitete uns Probleme. Er verwickelte unser haul-Seil mit dem haul-Seil der Belgier zu einem wilden Klumpen. Die Belgier hatten vergessen ihr Seil am Stand aufzuschießen und als ich zu Bart an den Stand kam, da hatten wir den Salat. Eine Stunde bastelten Bart und ich an den verwickelten Seilen herum, gleichzeitg mühte sich Olivier in der fünfzehnten Länge ab und Marc war dazu verdammt auf dem peanut ledge in der Sonne zu braten. Als Olivier, unterbrochen durch ein kleines Flugintermezzo, den Stand unter der letzten Länge erreicht hatte, hatten wir auch die Seile entwirrt und Marc konnte endlich zu uns hinaufkommen. Das haulen der Säcke der Belgier gestaltete sich schwierig, sodaß ich mit den Säcken gleichzeitig hochjumarte, um sie von losen Schuppen wegzudrücken oder sie einfach mit Tritten in Bewegung brachte. So gelangte ich ebenfalls zum Stand unter der letzten Länge, Marc juggte am fixierten Seil hinauf und Bart holte die Sicherungen aus der vorletzten Länge heraus. Ich sicherte Olivier, der somit der Erste von uns war, der ausgestiegen war Ein Jubelschrei lies uns wissen, daß er drausen war. Marc und Bart folgten ihm und ich kümmerte mich um die haul bags, die hier nochmals hinausgelassen werden mußten, da der Fixpunkt am Ausstieg zu weit rechts war. Die haulerei ging über Platten und runde Bäuche, die Jungs oben mußten pumpen wie die Sklaven, doch dann verschwanden die Säcke über der Kante. Nur noch ich, der Wind und die Sonne an der Kante der Nose waren da. Und das Feuer prasselte immer noch, Marc und Bart waren auf die glorreiche Idee gekommen aus unserem rainfly eine Schwitzhütte zu bauen. Bald sprangen wir splitternackt da oben durch die Büsche, legten Steine ins Feuer und trugen die heißen Brocken unter das rain fly, das an einem Baum hing. Dann saßen wir unter der Plane und schütteten Wasser auf die heißen Steine, das zischend verdampfte. Als hätten wir in den letzten Tagen nicht genug geschwitzt, doch wir waren davon überzeugt, daß so ein Saunagang recht erholsam sein könnte. Müde machte er allemal. Nach dieser Aktion suchte sich jeder sein Plätzchen für die Nacht und irgendwo hinter einem Busch schliefen wir bis in den nächsten Tag hinein. Ich war am nächsten Morgen schon um fünf auf den Beinen und ich schleppte meinen von Muskelkater schmerzenden Hintern eine Stunde lang auf den Gipfel des El Captain. Über geneigte Platten, an umgestürzten und vor sich hinrottenden Bäume vorbei, wanderte ich durch den stillen Morgen bergauf. Im Osten reihten sich die Gipfel der High Sierra wie Scherenschnitte am Horizont und der Half Dome stand groß und dunkel als Wächter über dem Yosemite Valley. Ein paar hohe Wolken begannen schon rosarot zu glimmen, als ich auf der Gipfelkuppe des El Captain anlangte. Ich war vollkommen alleine, kein Vogellaut war zu hören und kein Lüftchen regte sich. Der Gipfel des El Captain ist kein Berggipfel wie man ihn sich vielleicht vorstellt, nichts gibt einen Hinweis darauf, daß nur einhundert Meter weiter eine der höchsten Wandfluchten der Erde in das Tal abbricht. Hier oben liegen nur ein paar Granitblöcke herum und überall stehen vom Wind und vom Wetter gebeutelte Kiefern, die uralt sind und wie ihre eigenen Denkmäler aussehen. Trotzdem überwältigte mich auf diesem so unspektkulär erscheinenden Flecken Erde ein Gefühlssturm aus tiefer Freude, gemischt mit einer gewissen Melancholie. Ich hockte da, den Blick nach Osten gerichtet und spürte förmlich wie alle Wege, die mich seit Jahren durch die Berge geführt hatten, hier oben zusammenliefen. Wie oft hatte ich mir ausgemalt auf dem Gipfel des El Captain zu stehen, wie oft habe ich mir gewünscht einen big wall an diesem Berg zu klettern. Zweimal hatte mir der El Captain gnadenlos meine Grenzen gezeigt. Zweimal stand ich vor einem Scherbenhaufen von unverwirklichten Träumen und jedesmal hatte ich mich wieder aufgerappelt um einen neuen Anlauf zu unternehmen. Bei meinen Felsfahrten in den Alpen oder zu anderen Bergen Europas, die für sich selbst schon große Unternehmen waren, stand immer dieser Granitmonolith wie ein anziehender Magnet im Hintergrund. Und da war ich auf einmal nicht mehr alleine da oben. Alle Freunde, mit denen ich in den Bergen unterwegs gewesen war, die dadurch ihren Teil dazu beigetragen haben, daß mein ewiger Traum in Erfüllung gegangen war und auch diejenigen, die nicht mit mir in die Berge gehen, die aber wissen, was mich treibt und nicht ruhen läßt und die diesen Teil von mir kennen, ihn lieben oder auch nur tolerieren können, alle waren sie mit mir versammelt, als ich auf dem Gipfel auf die Sonne wartete. Und noch einer stellte sich ein, einer von dem ich weiß, daß er auch mitgeklettert wäre wenn er noch hier wäre, mit dem ich auf allen Bergtouren unterwegs bin, der mich oft durch Situationen geleitet hat, die er damals nicht überstanden hatte, auch er war wieder da. So ging für uns alle die Sonne auf. Erst erreichten uns ein paar gebündelte Strahlen, die zwischen den Zacken der High Sierra hindurchleuchteten und dann kam der rote Feuerball, der die Landschaft in ein sanftes Licht tauchte. Als die Sonne sich von der Hügelkette am Horizont gelöst hatte begann ich meinen Abstieg zu den Freunden zurück. Die ersten Schritte, die mich von der Gipfelkuppe des El Captain wegführten, die legte ich schon auf dem Weg zu neuen Zielen und zu neuen Träumen hin zurück. Oben am Gipfel blieb der Schnittpunkt der Wege der vergangenen Jahre zurück. Auch ein Teil von mir ist da oben geblieben. Ihn werde ich irgendwann wieder besuchen, dann wenn ich wieder zu diesem wundervollen Ort gelangen werde.