WESTALPENMEKKA BIS ZUM ABWINKEN

Zum Index
Aufwärts
Es muß wohl der Tag X gewesen sein zu Beginn des Sommers, einer mit dem besonderen Sternenhimmel, mit dem besonderen Tatendrang des Verrückten, einer jener starken Tage voll Leidenschaft, die der alpine Laie zum Glück nicht kennt vom Chamonix Fieber erfaßt. Irgendeine Nordwand, letztes Jahr schwärmte, träumte ich von ihr. Nun gehe ich sie alleine. Nur ein hauchdünner Faden Konzentration hielt die Balance des Tänzers, hielt am Leben. Diesmal keine "Erbarme, die Hesse komme "Stimmung. Ein Ausrutscher der Frontalzacken im aufgeweichten Eis, ein Moment der Unachtsamkeit und dahin ist alles, Post zum Wandfuß, du Häufchen. Auch am Ausstieg will keine Partystimmung aufkommen, trotz der guten Zeit (Angst macht Beine), trotz der überwundenen Schwierigkeiten. Der Gipfel, ein hinterlistiger Drückeberger, versteckt sich hinter Nebelfetzen, Sturm und Kälte meine Belohnung. Irgendwo in der Kälte thront das ihm aufgesetzte Kreuz, die Monarchenkrone von Menschenhand. Endlich oben, das heißt auch mal Frieren, Ernüchterung, Hunger, Durst. Ja, geschafft, leg sie weg die Tour, abgehakt die lästige Arbeit doch der Rückweg wartet noch. Zwiesprache mit dem Wind am Grat, Blinzeln in der Sonne, die verzweifelt bemüht ist sich mir zeigen zu dürfen um nicht ganz ihr Gesicht zu verlieren. Parlez vous francais, Wind, Berge, Sonne? Ich weiß wohin es mich treibt. Klettermekka Chamonix, weit im Westen. Für viele heimischer Veranlagte eine fremde Hemisphäre. Lieber Schüsselkar oder Dolos, Cappucino, Spaghetti und Rotwein. Ich kenne es aber Chamonix! Überlaufen von Berg- und anderen Pilgern, Metropole am König Europas, dem weißen Monarchen. Menschenmassen quetschen sich mit Autos zusammen in unregelmäßigen Pulsschlag durch die Gassen, brütende Augusthitze, verlockende Schaufenster. Man spricht Englisch. Naja, sagen wir 30% Insulaner, 15-20% Japaner, der Rest halb Mitteleuropa, Bergsteiger und Sightseer, meist Franzosen, sogar ein paar Osteuropäer "This is Mont Blanc". Ich falle mit kurzen jeans und muscle shirt neben den in der neuesten Mode gekleideten Bergsteigerarmeen am Eingang zur Midi Seilbahn gar nicht auf. Was da an Ausrüstung herumläuft, das reicht für einen Klettersteig auf den Everest.... Midi sold out this day.... höre ich bei den Engländern, schau, brauchst gar nicht anstehen, irgendwo anders hin.... die nächste Bar hat Bier, obwohl mir nach einem Bad im Bossons zu Mute ist. Am nächsten Tag kam die lang versprochene Kaltfront, rien ne vas plus en Chamonix, also per Austostop zu den Ausweichzielen in den Urner Alpen die Schlechtwetterfront auf meinen Fersen. Klaus aus Judenburg ging es genauso, was für eine Odyssee bis wir uns trafen. An jenem verregneten Mittwochnachmittag, Hotel Handegg, Schnee lag am Grimsel keine Motörhead, keine Benzinplatte, alles triefte, nur die Graue Wand ging. Ich tippte dir von hinten auf die Schulter, du hast dagesessen, eine Tasse Tee in der Hand, halbvoll, in irgendeinen Führer vertieft. Mensch, stell dir vor......mit der Mitfahrzentrale ins Rätikon, billig im Regen mit klappriger Ente. Das liebe Mädel in der Polenhütte" Magst noch ein Kipferl?" das mir so gut gefallen hatte" Schau doch mal wieder her "sehe ich sie wieder Zug Zürich, Luzern, Meiringen, dreimal umsteigen, Schnauze voll, voll Regen. Meiringen Dunkelheit, Nässe Endstation. Ich verkrieche mich mit meinem Schlafsack in eine unbeleuchtete Ecke der Station, träume vom Granit, träume vom Frühstück mit allem Drum und Dran, Nieselregen, feines Nachtkonzert. Ich erwache. Eine alte Dame schmunzelt mir ins Gesicht" Ist dir kalt geworden hier, armer Bub". Ob meiner rasurbedürftigen Ansprechseite ein vergnügliches Kompliment. Berner Zeitung, zwei Alpinisten aus der Eiger Nordwand geholt, überall Schnee. Croissants und Café au lait. Warten auf den Bus Meiringen Grimsel Chamonix.....tausend Jahre später. Blatiere Brown Alpinistentaufe. Kämpfe in der Sonne mit schweren Rucksäcken. Selber Schuld wir Nieten! Kennen die Franzosentricks eben nicht. Kommen die trockenen Fußes ohne Gletscher dahergestochen, klettern ohne Rucksack, seilen die Tour wieder ab, sparen sich den Müll über den Bändern. Wir basteln in der Mittagshitze an einem völlig ausgenagelten Faustriss irgendwo über dem Fontaine Band. Metzgerhände sind das Ergebnis, es taucht die Frage auf wozu das Alles. Die Grenze zwischen Qual und Spaß ist erreicht. Kein Kampfgeist mehr, nur noch Abhakenwollen. Die Schönheit der bizarren Eismasssen zwischen braunen, gelben und grauen Granitsäulen wird von Standplatz zu Standplatz immer weniger gewürdigt dafür umso mehr der Durst. Nur ein Gedanke beherrscht mich bald wann bin ich hier draußen? Dann der Scheißabstieg. Irgendein falsches Couloir erwischt. Hakenschlagen und abseilen über Wassereispassagen, dann verhängt sich das Seil. Mist! Die Kletterschuhe sind längst Plastikstiefeln und Steigeisen gewichen. Mit einem Eishammer geht es mit dem Gesicht zur Wand seilfrei hinab. Hungrig und angeödet nach dem Sulz des Nantillongletschers, den Sprüngen über fragwürdige zusammengesunkene Spaltenbrücken in der Nachmittagssonne und dem dumpfen, gelenkmordenden Blockgehatsche zum Zelt nahe Plan de l´Augille. Hinab nach Chamonix. Sinnloses Spachteln in irgendeiner brassserie, salat paysane, Erdbeercups, riesige Eiskelche. Wir sind zu viert und schlingen wie die Ochsen. Finis? Das soll wohl ein Scherz sein. Was, erst Mitternacht Wir sind ja noch gar nicht betrunken. Unter zwei Promille darf keiner ins Zelt! Zeltplatz Pierre d´Orthaz. Billig, hübsche Französinnen und Italienerinnen. In der Frühe dann der Aufbruch nach Grands Montets... Seilbahn und Abstieg zur Refuge d´Argentiere. Gott sei Dank mit Skistöcken. Peter hat seinen Erdbeercup nicht lange bei sich behalten. Auf dem Gletscher bemüht sich sein Magen ihn gründlich über den Firn zu verteilen..... Höhenkrank, was? Ich gebe ihm die Skistöcke, er hat wirklich schwere Schlagseite. Vor uns eine Spaltenbergung mit Heli. Eine offene V- Spalte und eine offene Oberschenkelfraktur. War eine von den heimtückischen Zwozehnern zwei Meter breit und zehn tief, das heißt völlig ausreichend für einen Genickbruch, oft viel zu spät bemerkt und lange fragwürdig überdeckt.... Scheißding. Argentierehütte. Piola macht eine kleine Erstbegehung auf roten Granitplatten, er plagt sich 500 Meter hinter der Hütte ein paar Seillängen hinauf. Ich starre hin, liege in der Sonne mit Sehnsucht und Langeweile. Ein verlorener Tag, ein Tag zu resümieren warum wir kein Felszeug dabeihaben. Können denn Fels und Eis nichtmal gleichzeitig super sein. Mitternacht, Courtes Nordwand, Schweizer Führe. Heiß begehrt und kalt getrunken. Oder bei Föhn soll man lieber schlafen gehen. Zwei Stirnlampen blinzeln sich am Schrund erregt an, Bächlein rauschen, Blöcke brummen durch die Wand. Die Entscheidung und unsere Diskussion ein Kabinettstück in wagnerischer Umgebung. Wenn ich seine Finger jetzt sehen könnte, sie zucken bestimmt wie Eisäxte, die sich eingraben wollen. Manche Entscheidungen sind eben schwer. Geschlagen stochern die Helden durch den Papp zurück. Naja, die waren doch saufreundlich hier, schau die zwei Mädchen von der Rezeption, der Hüttenwirt, Piola...Lognan, ein letzter Blick zurück in diese Arena. Frühstück und schon wieder Weißbrot, wie ich es hasse. Vergeudete Tage mit Erkenntnissen eines Wanderers. Fasziniert werden die Sinne nur vom Glanz der Nordwände, geil auf Touren. Es soll Gewitter geben. Walker nein danke, ohne Akklimatisation. Man sagt die sollen schwer vereist sein, der Rebuffatriß und die Kamine. Die Petit Jorasses, pah, die geht doch jeder. Also gut, dann Rognon, der Zwang etwas tun zu müssen hat einen Grad jenseits aller Vernunft erreicht. Sitzt da unten, langweilst dich, frißt, verplemperst deinen mageren Sold und blätterst frustriert im Führer vergiß es, wir wußten um all das. Das Trotzdem, das ostalpine Trotzdem, war der Ausweg und führte direkt zum Dru. Mistbiwak, die Spanier, die später aus der Nordwand fallen sollen. Arme Kerle. Wir teilten uns noch Bonbons, ihr hattet keinen Kocher. Zusammen haben wir Schnee gesammelt, auf unseren zwei Kochern geschmolzen und uns vom Montserrat und dem Kaiser erzählt. Einstieg sechs Uhr, ein Wasserfall liebkost mich, Dru Taufe und bald geht die Sonne auf. Die überflüssigen Sachen lassen wir am Vorbau der Hemming Robbins, auch wir sind wild entschlossen. Vor allem werden wir mit allen Tricks arbeiten, nur diesmal. Zum Beispiel über die Tour abseilen. Bald peitschen wir uns die Rißreihen empor, jenseits von Gut und Böse, manchmal zuckt die Leiter. Stunden vergehen, die will mich aufweichen, mürbe machen, die Tour. Erschöpfte Rast, elende Risse und Wetterverschlechterung. Die Neunzig Meter Verschneidung und der Seilquergang. Die Rechnung inklusive Mehrwertsteuer nach 14 Stunden abzüglich Verschleißerscheinungen: ein Dru Biwak kurz vor der Nordwand mit Spülung von oben. Beschweren ist bei der Rezeption leider nicht möglich, die Vertragspartner bemühen sich den Aufenthalt so interessant wie möglich zu gestalten und stellen ein eventuelles Überleben in Aussicht. Ich verschnüre mich völlig apathisch im Biwaksack, der Kocher funktioniert nicht, die Füße stecken im Rucksack. Im Bergpulli und dem Überzeug stecken meine müden Reste, mehr müde als durstig. Gewitterböen, zünftig alpin...So soll es sein! Wir sind an frisch geschlagenen Haken fixiert, die Blitze ganz nah und der Biwaksack zu dünn, um das grelle Licht abzuhalten. Die Laune ganz mies, ich habe auf einmal Angst und kann kaum Schlaf finden. Da tobt eine Orgie wie ein Heavy Metal Rockkonzert auf dem Höhepunkt, ich sitze anscheinend direkt vor den Baßboxen. Trotz der Stimmung keimt keine Freude auf. Taghelle Blitze, in meinem feuchten Biwaksack gehüllt lehne ich mich gegen den Freund, schweigen sie aus, die Nacht. Bald zeigt der Morgen seine garstige Häßlichkeit. Als ich erwache ist es sternklar und bis auf ein fernes Grollen ist es ruhig und windstill. Etwas Schnee im Metalltöpfchen ist zu kaltem geschmacklosen Sud geschmolzen, dem ich mit C Frisch zu mehr Trinkverträglichkeit verhelfe. Aufschrei im Magen. Wir räumen die suite für den Rückweg und der kommende Tag kündigt die nächste Bescherung an. Von Nordwesten schiebt sich langsam, wie einer der weiß, daß ihm seine Opfer nicht entwischen können, eine riesige schwarze Wand heran. Zu allem Überfluß in voller Festbeleuchtung, denn entlang ihren Rändern zuckt und flammt es gierig wie Leuchtreklame. Unsere Flucht endet 200 Meter tiefer auf dem bloc coince, um uns herrscht ein Chaos wie an den Tagen der Schöpfung, wir kauern in einer Nische und warten darauf das der Blitz kommt, dieser eine Blitz auf dem in großen Lettern unser Name draufsteht. Ein armdicker Strahl von Sankt Elmsfeuer taumelt auf einem Steinblock vor der Nische, ist er einen halben Meter hoch, kommt das Geräusch von zerreißendem Zeitungspapier unisono mit einem explosionsartigen Knall, der uns mehr ängstigt als der Blitz. Zweimal streift uns ein Blitz, der durch die Rinnen der Westwand herabgleitet, wir sinken ab in einen schwarzen Pfuhl der Betäubung, wie mit Steinen an den Füßen, als wir wieder auftauchen ist noch alles beim Gleichen. Drüben an den flammes des pierres schlagen sie ununterbrochen ein, fahren die Rinnen herunter, hüpfen von Wand zu Wand, wir schauen einer Sache zu, die keine Notiz von uns nimmt. In Sturzbächen, die mit Gesteinsbrocken vermischt sind, seilen wir zum Wandfuß zurück, im Abhauen haben wir ja Erfahrung. Im schwärzesten Wetter stolpern wir hinab zum Mer de Glace und rüber zur Bergbahn, wo erfrischend wenig los ist, wir haben den ganzen Zug für uns und ob unseres erbärmlichen Zustandes fahren wir auch noch ohne zu zahlen. Ein Abstecher zum bureau d´haute montagne zeigt uns, daß das Jahr gelaufen ist. Wir atmen auf, dürfen heimfahren, warten bis sich das Erlebte verklärt hat und neue Westalpenträume in uns aufkeimen.
Zum Index
Aufwärts