WAS GEBLIEBEN IST
Schon Wochen vorher begann sich für mich Alles auf diese eine Sache zu fixieren. Da war das Abitur, da waren die Freunde und die exzessiven Parties, doch nichts von alledem war für mich von solch einer zentralen Bedeutung wie unser Vorhaben. Nein, alles drehte sich um unsere Reise, unsere Expedition in die Alpen. Diese wurde genauestens geplant und besonders ich tat mich mit ausgeklügelten Szenarien hervor, die dazu dienen sollten, daß nichts vergessen wurde. Du warst zurückhaltender und hast nicht Alles für nötig befunden. Doch das gehörte schon zu unserem kleinen Wettkampf, der zeigen sollte wer von uns schon ein alter Hase war, dem der Bergwind schon tüchtig um die Nase geblasen war. Mit der Nordwand der Königspitze und anderen alpinen Taten hattest Du mir Längen voraus, ich hatte mein zu Hause im Klettergarten. Ich war mehr als reif für die Alpen, denn ich wollte unbedingt noch vor der Bundeswehr, noch bevor das Leben aus meiner damaligen Perspektive sein Ende fand, die ultimativen Abenteuer erleben und da ich beim Klettern oft von purer Angst beherrscht wurde konnte ich jene Abenteuer nur dort finden. Doch redete ich mir auch ein, daß diese in den Alpen verschwinden würde, denn dort wären wir so eingespannt, daß da kein Platz mehr für die Angst bleiben würde. Deine Einstellung war eine ähnliche. Das richtige Klettern fing für Dich erst dann an, wenn Du in akuter Gefahr schwebst und diese Situationen galt es zu suchen. Später wurde mir klar woher Du diese Einstellung hattest, zu dieser Zeit erfüllte sie mich einerseits mit Grauen und andererseits faszinierte sie mich. Das Grauen verdrängten wir mit einer Milchmädchenrechnung. Uns durfte nichts passieren, denn das wäre schlimm für unsere Eltern und da wir unseren Eltern nichts Schlimmes wollten, konnte uns auch nichts passieren das nahmen wir als Legitimation alles auf eine Karte zu setzen. Ich kann mich erinnern wie wir schon im März vor unserer großen Fahrt nach Bruchhausen zum Trainieren gefahren sind. Es lag noch Schnee, es war alles naß, es nieselte vor sich hin und kalt war es natürlich auch in einem Wort optimale Bedingungen. Du durftest das Auto Deiner Eltern lenken, Deine Mutter saß auf dem Beifahrersitz und hielt Dir vor wie Du fahren mußt. Auf der Straße lag Schneematsch, glatt war es und sie predigte Dir wie und wann Du bremsen mußt. Innerlich hast du gekocht, ich konnte es an Deinem Blick im Rückspiegel sehen und den ganzen Abend warst Du stocksauer. Als Deine Eltern weg waren ging es dann los, wir soffen Bier wie die russischen Holzfäller und steigerten uns in Dinge hinein, die uns vollkommen zu groß waren. Wir bauten uns gegenseitig auf bis wir wirklich glaubten die Einzigen, die Besten, die härtesten Alpinisten zu sein und am nächsten Tag hingen wir mit gestrichen vollen Hosen in triefend nassen Fünfern am Feldstein. Aber hauptsächlich war es naß, kalt und grimmig, denn so sollte es in den Alpen sein eben nur was für die Kühnsten und ich erinnere mich an manchen Keil, den wir an den Bruchhausener Steinen gelegt hatten, der keinen Pfifferling wert war und über den wir meilenweit ausgestiegen waren da noch irgend etwas zu legen ein Angsteingeständnis gewesen wäre. So machten wir uns heiß auf die sechs Wochen in den Alpen. Erst wollten wir drei Wochen in die Dolomiten und dann sollten in Chamonix die großen Sachen fallen. Wir standen auf der Abschußliste, doch das kümmerte uns nicht im Geringsten. Die letzten Wochen vor der Abfahrt war ich nur noch am Feiern, selbst mein eisernes Training, das ich seit Jahren durchzog, lies ich schleifen, da ich den Glauben an dessen Wirkung verloren hatte. Ich sagte mir, daß ich nach einer Woche in den Alpen viel besser als nach monatelangem Trockentraining sein werde. Also zog ich auf jede Abiturfeier und in die Discos, lies jeden, der es wissen wollte, an dem Stand der Planung teilhaben und war auch sonst eifrig dabei mich mit einer Aura eines Toten auf Urlaub zu umgeben. Diese morbid fatalistische Ausgelassenheit wurde mit einem Meer von Bier geweiht. Besonders der letzte Abend war geprägt von dieser Stimmung und alle machten mit. Im Sanssouci tanzten wir auf den Tischen, es war Altstadtfest, die Menge tobte, alle aus der Schule, vom Fußball und vom Turnen waren versammelt und wir rissen eine mächtige Show ab. Als wir davontorkelten gab es sogar Tränen bei denen, die noch weiter feierten. Wir brachen zu unserer Expedition auf. Wir brachen in Gegenden auf, deren Namen für mich ganz fremd klangen, dort gab es Dörfer mit ebenso fremdklingenden Namen und ich fühlte mich wie einer der Hobbits im Herrn der Ringe, die aus ihrer gemütlichen Welt aufgebrochen waren, um unfreiwillig in Geschichten verwoben wurden, die ein ganzes Zeitalter änderten. Wir hatten kein eigenes Auto und so fuhren wir mit monströsen Rucksäcken im Schlepptau mit der Bahn bis nach Südtirol. Von Chiusa ging es dann mit dem Linienbus in das Grödnertal hinauf. Unterwegs hielt ich immer wieder Ausschau nach Ortsnamen, die mir bekannt sein könnten, bekannt von den vielen Urlauben, die ich mit meinen Eltern und meinem Bruder in den Alpen verbracht hatte. Ich hielt Ausschau nach Geborgenheit, nach etwas, das mir einen Anker hätte geben können. Später sollten dies Nummernschilder werden. Je näher sie an Friedberg lagen ein Frankfurter, ein Gießener desto mehr Heimweh griff mir ins Herz. Nach einer Nacht auf der Schiene und einem halben Tag im Bus standen wir mit unseren Säcken endlich am Sella-Paß. Wir waren da wo wir hin wollten und ich war beeindruckt von dem mächtigen graugelben Riff des Langkofels, das direkt über unserem Zeltplatz in der Steinernen Stadt in den Himmel ragte. Auf der anderen Seite des Passes stand der Piz Ciavaces, ein breites, behäbiges Dolomitmassiv, das viel weniger respekteinflößend war. An seinem rechte Ende standen ein paar Türmchen herum die Sella-Türme und hier sollten unsere Heldentaten beginnen. Wir waren fest davon überzeugt, daß wir zur Elite gehörten und kamen nie auf den Gedanken, daß die Sella-Türme ein besserer Klettergarten waren. Nein, hier betraten wir ernsthaftes Gelände und so fühlte ich mich auch ich hatte Schiß bis zum Hals. Noch am gleichen Tag stiegen wir um die Mittagszeit am zweiten Sella-Turm in die Kasnapoff-Führe ein. Längst quollen dicke Wolken am Langkofel, die Dich nicht im geringsten beängstigten. Manchmal hatte ich das Gefühl, daß Du sogar darauf gehofft hast ein Gewitter in der Wand zu erleben. Wären wir da durchgekommen, so hätten wir eine fette Geschichte zum Besten geben können, gegen die Erzählungen von wettertechnisch völlig sicheren Bergtouren verblassen würden. Solche Bergtouren bringt jeder heim, nein, wir haben es blitz-, hagel- und donnerumtost gebracht und oben auf dem Gipfel noch den Pickel jubelnd emporgerissen und dem brüllenden Wind entgegengeschrien. So sah es in Deiner Phantasie aus, doch bei unserer ersten Tour gab es leider nur Steinschlag und ein paar brüchige Passagen. Für den Anfang waren wir es dennoch zufrieden. Zum Umfallen müde stiegen wir zu unserem Zelt ab, das für die nächsten Wochen unser Heim werden sollte. Wir schliefen durch bis in den Vormittag des nächsten Tages hinein. Dadurch war sichergestellt, daß wir nicht zu früh zum Einstieg der für diesen Tag geplanten Tour gelangen konnten und uns somit schon am zweiten Tag als blutige Anfänger bloßstellten. So frühstückten wir demonstrativ entspannt bis alle anderen aufgebrochen waren und hofften, daß sie auch den Wetterbericht gehört hatten und unsere Kaltschnäuzigkeit somit gebührend würdigten. Dann spazierten wir gemütlich hinüber zur Südseite des ersten Sella-Turmes und stiegen dort in den Trenker-Riß ein. Ohne große Nöte kletterten wir dort hinauf, jedoch liesen uns die abgespeckten Griffe und Tritte daran zweifeln ob dies die richtige Route für zwei auf ihren Ruf bedachte Alpinisten gewesen war. Da sind doch schon alle hochgerutscht und für so etwas durften wir uns nicht herablassen. Im Abstieg begegnete uns Hans Kammerlander und Deine Brust schwoll voller Stolz an, da er Dich erkannte weil Du einmal einen Kletterkurs bei ihm gemacht hattest. Meine Brust schwoll, weil er uns im Gespräch wie seinesgleichen behandelte. Mensch, ich hatte gerade meine zweite Route in den Alpen hinter mir und nach dieser Begegnung sah ich mich schon im Gedanken japsend auf irgendeinem Himalyariesen herumwanken. So motiviert entschlossen wir uns gleich noch eine Route zu klettern und diesmal bitte schon etwas derbes damit wir den höheren Weihen gerecht wurden, die uns zu Teil geworden waren. Da es schon in den Nachmittag hineinging war uns klar, daß wir nun die große Chance hatten für eine Geschichte zu sorgen, welche die Nachwelt noch am Lagerfeuer verbreiten würde. Die Grödner-Führe schwebte uns vor, von technischer Kletterei und dem siebten Grad war im Führer die Rede das war genau das Richtige für uns. Doch die Antwort auf unsere Routenfrage kam in Form von dichten Wolken um die Westkante der Sellatürme gewallt und ein markerschütterndes Donnergrollen lies auch nicht lange auf sich warten. Natürlich hatten wir den Wolken, die schon den ganzen Tag über uns wogten, keine Aufmerksamkeit geschenkt. Doch dann ging von einer Minute auf die andere die Post ab und wir stiegen ab wenigstens hatten wir wilde Entschlossenheit gezeigt. Die zeigte auch das Wetter während der Nacht, ohne Unterbrechung tobte bis in die frühen Morgenstunden ein Gewitter über dem Sellapaß. Es machte den Eindruck als ob die Gewitterzelle zwischen Langkofel und Sella hin und her pendelte, die Zeltwand glomm gespenstisch im grellen Licht der Blitze, die nicht weit von uns entfernt in die Felsen einschlugen. In dem kleinen Radio, den ich zu meiner Ablenkung eingeschaltet hatte, war teilweise nur ein statisches Knistern zu hören. Ich hatte eine riesige Angst. Du lagst ganz entspannt und abgeklärt neben mir und ich bibberte still in mich hinein nur keine Schwäche zeigen war meine Devise. Die Nacht wollte kein Ende nehmen, erst in den frühen Morgenstunden legte sich das Toben der Elemente und ich fand endlich ein wenig Schlaf. Der folgende Morgen war trüb und kalt, genau die idealen Verhältnisse für die Micheluzzi-Führe am Ciavaces. Diesmal kamen wir früher weg, dafür ist die Route auch länger und der Wetterbericht war immer noch richtiggehend dürftig. So verwunderte es uns, daß schon zwei Seilschaften über uns in der Wand hingen. Wir fragten uns, wer denn da noch die Kühnheit besaß bei solch einem Wetterbericht in eine Route einzusteigen, die einen 90-Meter Quergang hat, den man im Falle eines Wettersturzes kaum mehr zurückkommt. Hatten wir am Ende einen falschen Wetterbericht gehört. In der Seillänge vor dem Quergang kam die Auflösung. Bis dorthin stellte uns die Kletterei vor keine größeren Probleme, nur ich hatte an zwei Stellen meine liebe Not den elenden Rosthaken zu vertrauen. Aufmunternde Zurufe von Dir liesen mich jedoch alles vergessen, ich zog mich an den Dingern hoch und siehe da, die hielten mich noch aus. Doch dann fing es an zu hageln und uns fielen die Seile der anderen auf den Kopf, die schleunigst versuchten dem aufziehenden Gewitter zu entkommen. Das war unsere Chance ganz markig die Stellung zu halten. Am Standplatz wurde es unangenehm eng und mir wurde ganz flau als ich mir anschaute, wie viele Leute an den zwei windigen Haken hingen. Ein einfühlsamer Versuch von mir auch für den Rückzug zu plädieren wurde von Dir barsch abgewiesen. Also ging es weiter und Du bist sofort den Vorstieg angegangen, nur kam der kurz über dem Stand ins Stocken. Die Stelle war an sich schon schwer, zunehmender Hagel und Regen seiften den Fels ein und ein Sturz von dir in den miesen Stand hätte uns beide aus der Wand gerissen. Wir begannen nun auch mit dem Rückzug. Da wir nur ein Einfachseil dabei hatten so wollten wir sicher stellen, daß uns ein Rückzug nach dem Quergang nicht gelingen konnte waren wir auf zwei Schwaben und ihr Seil angewiesen. Die Haken, an denen wir abseilten, wackelten alle furchteinflößend vor sich hin. Oft klinkten wir uns alle aus den Ständen aus, nahmen Abstand von dem Konglomerat aus alten Schlingen und Rostgurken und beobachteten wie sich der Stand verhielt, wenn der Erste den Mist abseilend belastete. Am Wandfuß angekommen kam die Sonne wie zum Hohn heraus. Du warst mächtig sauer auf mich und hast Dir ordentlich Luft gemacht indem Du mir vorgeworfen hast, daß wir eigentlich nur abgebaut hatten weil bei mir die Nerven blank gelegen hatten. Das schluckte ich kommentarlos und schluckte dann noch einmal, als Du, am Zeltplatz angekommen, Dir irgendeinen Engländer geschnappt hast um doch noch irgend etwas an diesem Tag zu verbuchen. Ihr habt euch dann zur Schober aufgemacht, ich blieb zurück und drückte mich niedergeschlagen an den Blöcken der Steinernen Stadt herum. Doch es dauerte nicht lange und das nächste Gewitter zog auf, für Dich kamen nur zwei Seillängen in der Schober heraus und das wurde sogar Dir und dem Engländer zu brenzlig. Nach diesem Gewitter beruhigte sich das Wetter wieder, es wurde zwar kälter, doch diese Ingredienz für heroische Geschichten hatte der Wetterbericht für die nächsten Tage nicht mehr im Programm. So lag es nun ganz und gar an uns für epische Taten zu sorgen und wir hofften in der Via Italia 1961 am Ciavaces den richtigen Ort dafür gefunden zu haben. Der nächste Tag sah wie wir uns den fürchterlich brüchigen Vorbau unter dieser Techno-Tour hinaufschotterten. Im gelb-brüchigen Fels ging es an Sticht-Haken und Holzkeilen unter den ersten Dachriegel und ich sollte die erste Länge über das Riesendach vorsteigen. Das tat ich dann auch und im Dach bekam ich es mit der Angst zu tun. Da waren nur noch verrottete Holzkeile und völlig ausgefranste Schlingen, ich traute dem ganzen Zeug nicht mehr und einer der Holzkeile war so vermodert, daß ich mich bei seinem Anblick im Geiste aus dem Überhang fliegen sah. Verwunderlicherweise kamen von Dir keine herben Worte und versuchen wolltest Du diese Seillänge auch nicht. Meinen Vorschlag nach rechts in die Schlucht zu queren kam sofort bei Dir an und schon hatten wir unsere Geschichte am laufen. Was wir dort geklettert hatten weiß ich bis heute nicht. Im Jahr darauf las ich in einer Bergsteigerzeitschrift die Beschreibung einer Neutour, die sich teilweise mit der Route deckt, die wir in der Schlucht hinaufgekrochen waren. Nur wurde diese Erstbegehung im August durchgeführt, also einen Monat nachdem wir dort unterwegs waren. Zum Teil waren wir auf der Rizzi-Canepa unterwegs, doch die verläßt die Schlucht im oberen Teil nach rechts. Wir blieben immer links. Nach dem Quergang in die Schlucht kamen übelst brüchige Kamine, die mit absturzbereiten Klemmblöcken gespickt waren. Unsere Standplätze bestanden aus dürftig in den Schotter hineingedrückten Klemmkeile, Haken hatten wir keine dabei. Einmal bist du eine Länge vorgestiegen, in der Du Dich und das Seil in Schlangenlinien um die riesigen Klemmblöcke gewunden hast. Dein Plan war die Klemmblöcke als Zwischensicherung zu verwenden, doch das Ende vom Lied war, daß Du Dir einen mörderischen Seilzug eingehandelt hast und auf den letzten Metern kurz vor dem Abflug gestanden hast. Ich stand direkt unter diesem Kamin und wenn einer der Blöcke abgegangen wäre, der hätte mich voll erwischt. Über die faustgroßen Steine, die laufend herabgetrommelt kamen, machte ich mir schon längst keine Sorgen mehr. Wir kletterten im Schatten, teilweise lag noch zu Eis verbackener Hagel in den Kaminen und ich fühlte mich wie von der Welt vergessen. Unten auf der Sellapaßstraße fuhren die Autos in der Sonne, die Busse hupten und Menschen genossen ihren Urlaub. Doch ich fühlte, daß ich nicht mehr dazu gehörte, von dieser Welt dort unten Abschied genommen hatte, keine Verbindung mehr zu ihr bestand und hier oben, in einer ganz anderen Zeit, etwas durchführte von dem keiner mehr Notiz nahm. Ich stieg ebenso brüchige Längen vor, einmal bist Du im Nachstieg mit einem herausbrechenden Block gestürzt und ich schaute voller Schrecken auf die Keile am Standplatz und beschwor sie, daß sie nicht auch herausfetzten. Dann kam die letzte Länge, eine Wandkletterei, keine Sicherung, viel Bruch, zwischendurch löchriger, griffiger Dolomit. Die Schwierigkeit? Keine Ahnung, ich war oft an der Sturzgrenze, kam irgendwie auf das Gamsband, machte dort Stand an dem Kabel des Klettersteiges und holte Dich nach. Mir war, als wäre ich aus einer abgrundtiefen Ohnmacht erwacht, wie von Geisterhand begannen sich die Eindrücke der letzten Stunden wie im Nebel zu verlieren. Der Abstieg vom Gamsband brachte uns wieder in die reale Welt zurück. Hunger und Durst trieben uns zum Zelt hinab und keine Gedanken an noch eine Tour quälten uns. Wir pflanzten uns in die Steinerne Stadt und waren mit uns und der Welt zufrieden. Doch die kafkaesken Eindrücke, die mich in der Route überfallen hatten, die sollten mich noch an diesem Abend wieder einholen. Nach einer ausgiebigen Freßorgie vor dem Zelt und ein paar Gläsern Rotwein im Rifugio schickten wir uns an unsere zerschlagenen Körper in die Schlafsäcke zu betten. Es war schon stockdunkel, da vernahmen wir gellende Hilfeschreie, die aus der Richtung des Langkofelmassives kamen. Dann trat wieder Ruhe ein, wir dachten an einen schlechten Scherz, doch die Rufe hallten wieder auf. Wie ein schlafendes Untier lag der Langkofel vor uns in der Nacht, die Sterne prangten am Nachthimmel über uns und irgendwo dort oben geschah etwas, dessen Existenz wir mit aller Macht aus unseren Gedanken vertrieben hatten. Kurz darauf zischte eine rote Notrakete in die Nacht und weitere Rufe gellten. Irgendwo an der Grohmannspitze ging es für eine Seilschaft um Alles. Uns blieb nur mit den Stirnlampen das Notsignal zu beantworten und die Bergwacht zu verständigen. Die kam dann auch mit allen Geräten, baute riesige Flutlichter am Sella-Paß auf und als die Dinger mit einem dumpfen Donnern ansprangen wurde die Wand in ein gespenstisch kaltes Licht getaucht. Dort wo die Lichtsäulen aufeinandertrafen hingen die Verunglückten. Einer schien in den Stand gestürzt zu sein und baumelte bewegungslos unter einem Überhang, der andere am Stand war der Hilferufende. Die Bergwacht zog ihren Job durch, wir sahen zu, es war wie in einem schlechten Film, bei dem man am liebsten wegschauen möchte, doch gerade weil er so jenseits von Allem ist kann man dem Kitzel hinzuschauen nicht widerstehen. Es war eine Freilichtaufführung des Grauens. Wir verschwanden in unserem Zelt als die Mannschaften mit den Resten des Gestürzten herunter kamen. Wir wollten verdrängen, daß an diesem Tag uns das Gleiche hätte geschehen können. Natürlich dachten wir zu diesem Zeitpunkt ganz anders, wir hatten zwar etwas Mitleid mit den Beiden, doch unser Hochmut ging soweit, daß wir uns sicher waren, daß hier Schwäche und fehlende Härte ihren Tribut gefordert hatten. Es hatte eben jemanden erwischt, der in den Bergen nichts verloren hatte. Außerdem war das Unglück in einer Route geschehen, die in unseren Augen absoluter Kinderkram war und so schliefen wir unbehelligt durch die Nacht, es betraf uns nicht mehr. Trotzdem entschieden wir uns am nächsten Tag zur Marmolada zu fahren. Wir wollten noch nach Chamonix im Anschluß an die Dolomiten und da dort die Eisrouten fallen sollten, fühlten wir uns dazu verpflichtet auch schon in den Dolomiten unsere Eistauglichkeit unter Beweis zu stellen. Da lag die Marmolada Nordwand nahe. Die konnten wir all die Tage vom Sella-Paß aus gut einsehen, schneeweiß glitzerte sie im Süden zu uns herüber und ich war über den geplanten Ortswechsel erleichtert. Doch zuvor mußten wir noch eine Tour an den Sella-Türmen klettern, es war indiskutabel auch nur einen Tag zu verlieren Ruhetage waren in unseren Augen faule Ausreden für Feiglinge. Wir rafften unser Zelt zusammen, verstauten einiges Material im Rifugio Valentini und stiegen in die Steger-Führe am ersten Sella-Turm ein. Ich fühlte mich während der Kletterei wie gerädert und zerschlagen. Ich hätte nichts dagegen gehabt den Tag damit zu verbringen gemütlich zur Marmolada zu trampen. Doch Deine feurig vorgetragenen Argumente, daß man verschenkte Tage irgendwann einmal bitter bezahlen muß, die leuchteten mir ein. So krochen wir die Kante hinauf und in der letzten Seillänge kamen ein paar knifflige Stellen, die wir beide nicht klettern konnten. Also seilten wir ab, wechselten kaum ein Wort auf dem Weg zurück zum Sella-Paß und hatten das Gefühl, daß wir den Erfolg des Vortages egalisiert hatten. Mit unseren übergroßen Rucksäcken trampten wir dann über Canazei hinauf zum Fedaja-Stausee. Es dauerte Ewigkeiten bis wir dort ankamen und erst in der einsetzenden Dämmerung liefen wir in der Hütte unterhalb des Marmolada-Gletschers ein. Zwar ging vom Stausee ein Lift bis zur Hütte, doch diesen zu benutzen lag jenseits jeglicher Erwägung. Somit knüppelten wir unsere Rucksäcke fluchend bergauf. An der Hütte angekommen mußten wir feststellen, daß noch gar nicht für die Saison geöffnet war. Doch der Hüttenwirt werkelte schon herum und er war so freundlich uns die Nacht auf der Hütte verbringen zu lassen. Wir lagerten im großen Gastraum auf dem Boden, direkt vor der Bar. Die Nacht war kalt und ich wälzte mich in Gedanken über meine erste große Eistour hin und her. Draußen rüttelte der Wind an der Hütte und auch Du hast nicht besonders geschlafen. Mitten in der Nacht begannen wir uns an den Schnapsbeständen der Bar zu vergreifen und ich fand eine Schachtel mit Marsriegel, der ich bald den Garaus gemacht hatte. So dämmerten wir vor uns hin bis uns um vier in der Frühe der Wecker aus dem Halbschlaf riß. Uns erwartete ein wolkenverhangener Himmel und als wir unter die Nordwand querten lag ein schiefergraues Licht über der Gletscherwelt. Am Bergschrund versuchte ich noch einen Wetterbericht über mein kleines Radio zu erhaschen, doch es kam nur ein Knistern mit Sprachfetzen, das mehr Unklarheit hinterließ als ohnehin schon bestand. Wir stiegen seilfrei über die immer steiler werdende Wand bis unter den Felsriegel, dort banden wir uns ein und hackten uns weiter hinauf. Im Felsriegel lag nur dünnes Eis auf den krümeligen Felsen. Eisschrauben bekamen wir keine in das zu dünne Eis, an den Standplätzen sicherten wir über die Pickel, was eine völlig illusorische Sicherung war. Doch selbst bei mir kamen da keine beklemmenden Gedanken auf als ich die letzte Länge aus dem Felsriegel ausstieg, mir die Eisschollen unter den Steigeisen wegplatzten und ich mit den Eisgeräten im Fels herumkratzte. Ein Sturz von mir hätte uns beide zum Wandfuß befördert. Über dem Felsriegel legte sich die Wand zurück, der Firn wurde besser und wir gelangten ohne große Probleme zum Gipfel. Von dort hatten wir einen herrlichen Blick auf die Berge im Süden, auf die Civetta, den Pelmo und den Agner. Der Abstieg über den Normalweg wurde noch einmal spannend, denn ich hatte meine Tourenskistiefel an den Füßen und die seilfreie Kletterei am Felsgrat wurde zu einer unkontrollierten Eierei am Abgrund. Uns begegneten andere Seilschaften, die noch im Aufsteig über den Normalweg begriffen waren, für sie hatten wir nur mitleidig herablassende Blicke wir spielten in einer anderen Liga. Nach diesem Tag war der Weiterweg für uns klar, wir trampten zum Sellapaß zurück, sammelten unser Material ein und trampten am nächsten Tag nach Alleghe am Fuß der Civetta. Den ganzen Tag verbrachten wir auf der Straße, da wir so viel Material bei uns hatten hielt fast niemand an um uns mitzunehmen. Ich beneidete die Urlauber, die an uns vorbei rauschten und die ganz ohne Angst die Bergwelt genießen konnten. Saßen wir in einem Auto, dann wünschte ich mir auch so einen Bergurlaub zu verbringen, andererseits genoß ich das Aufsehen, das unsere Seile und Helme zumeist bei den Familienvätern in den Autos auslöste. Die hätten am liebsten mit uns getauscht. Du warst mit Deinen Gedanken anderswo, hast immer aus dem Autofenster hinaus geblickt, hinauf zu den Wänden, die vorbei zogen und bist im Geiste dort oben geklettert. Auf dieser Fahrt waren wir von der Warterei am Straßenrand so angenervt, daß wir uns überlegten einen dieser dreirädrigen Piaggios zu kaufen, mit denen die Bauern hier über die Serpentinen bretterten. Doch enttäuscht mußten wir feststellen, daß so ein Gefährt unser Budget gesprengt hätte. Einmal sind wir hochkant aus einem Auto herausgeflogen, Du wolltest Deine Italienischkennnise an den Mann bringen, doch das Bäuerchen am Steuer war ein bekennender Südtiroler und als Du welsche Laute von Dir gegeben hast, da platzte ihm die Hutschnur unversehens standen wir wieder am Straßenrand. Wir kamen spät in Alleghe an und verbrachten die Nacht in einem zugigen Rohbau. Am nächsten Tag stiegen wir mit unglaublich mächtigen Rucksäcken zur Coldai-Hütte auf. Für eine Woche sollte dort unser Basislager sein. Diese Woche in der Civetta wurde zu unserem gemeinsamen Meisterstück. Bei einigermaßen verläßlichem Wetter kletterten wir fast jeden Tag eine Tour, alle dunklen Wolken der Angst waren wie weg geblasen. Zwar türmten sich an den Nachmittagen immer mächtige Haufenwolken über den Gipfeln auf, doch ich schluckte alle Bedenken schon beim Aufkeimen hinunter. Wir stiegen am Torre di Valgrande den NO-Pfeiler, die NO-Kante und die Schober-Liebel am Pan di Zucchero, die Ostwand des Torre di Alleghe. Wir hatten Steinschläge, Abseilaktionen an windigen Haken, heikle Vorstiege an der Sturzgrenze, makabre Bruchpassagen und immer, die ganze Woche, stürmten wir unaufhaltbar voran. Wir waren wie in Trance, durchflutet von einer ungekannten Energie, uns glückte einfach Alles. Abends mästeten wir uns an der Hütte mit frischgebackenem Apfelstrudel und Rotwein, kaum jemand kam unter der Woche hinauf und so waren wir und die Hüttenwirte die Einzigen, die dort oben herumsprangen. Du hattest eine Gitarre in der Hütte gefunden und gabst regelmäßig zu vorgerückter Stunde kleinere Konzerte. Du konntest sagenhaft gut klassische Gitarre spielen und das noch mit vom Klettern zerschundenen Händen. Während dem Du der Gitarre Bach und andere Klassiker entlockt hast, hatte ich in mein Tagebuch geschrieben und wenn wir beide damit durch waren, dann teilten wir uns das einzige Buch, das ich mitgenommen hatte. Meine Tagebucheintragungen hast Du mit wachsendem Interesse gelesen und mit Deiner gnadenlosen Ironie kommentiert. Dort hatte ich meinen Ängsten und Befürchtungen nicht den Mantel des Schweigens umgehängt und doch war es für mich das Normalste, daß auch Du diese Seite von mir kennst in diesen Tagen waren wir Eins. Und so wuchsen wir in einer Tour über uns hinaus und dies in solcher Form, daß ich noch heute darüber ins Staunen komme wenn ich mir diesen Tag in Erinnerung rufe. Kurz vor dem Ende der Tage in der Civetta stiegen wir in die Carlesso-Menti am Torre di Valgrande ein, wenigstens eine Tour auf der Nordseite der Civetta mußten wir gemacht haben. An Touren wie die Phillip-Flamm, Livanos oder Solleder-Lettenbauer trauten wir uns nicht heran, doch die Carlesso-Menti las sich im Führer ähnlich markig wie die anderen Klassiker und damit war uns klar, daß wir da hoch mußten. Sogar Du warst mit einem frühen Aufbruch einverstanden und das hob meine Stimmung ungemein. Schon im Dämmerlicht des frühen Morgens standen wir unter dem Vorbau des Valgrande und unserem Drang nach oben hatten die brüchigen Schrofen und der heikle Quergang durch die Schlucht nichts entgegen zu setzen. Bis zum richtigen Einstieg in die Tour kletterten wir seilfrei, dadurch kamen wir schnell voran. Jeder war für sich selbst unterwegs, nur ab und zu erinnerte mich ein herabfallender Stein, daß auch Du irgendwo in meiner Nähe Dir Deinen Weg durch den Bruch suchst. Eine kurze Wandstelle brachte uns in eine von einem Dach abgeriegelte Höhlennische. Hier begann die ernste Kletterei. Der Führer sprach für die nächste Seillänge von dem Schwierigkeitsgrad VI+ A3, darüber reihten sich dann Seillängen im fünften und sechsten Grad aneinander. Wir hatten noch nie eine Tour mit dieser Bewertung gemacht, das Dach sah monströs aus. Doch für uns gab es diesesmal kein Bangen und Zagen, wir hatten beide einen grandiosen Tag erwischt. Mit klimpernden Leitern hast Du Dich über das Dach geschlossert und dann einen unserer berühmt-berüchtigten Standplätze in der über dem Dach ansetzenden Verschneidung gebaut. Das was Du da gebastelt hattest war jenseits von Gut und Böse. Von dort zog die Verschneidung kerzengerade durch die lotrechte Nordwand und obwohl der Führer für die nächste Länge häufig technische Passagen versprach war ich meist in freier Kletterei unterwegs. Der Wind blies unsere Seile in einem großen Bogen aus der Verschneidung heraus, über uns spannte sich ein stahlblauer Himmel auf und als die Sonne um die Ostkante des Berges kam begann der Fels golden zu leuchten und er wärmte sich sogar auf. In Wechselführung stiegen wir ohne auf ernsthafte Problem zu stoßen bis unter die Gipfelwand. Dort wurde der Fels wieder herzhaft brüchig, doch wir registrierten das in unserem Freudentaumel nur am Rande. Dann standen wir auf dem Gipfel des Valgrande, nur der Wind und die Bergdohlen waren dort oben unsere Gesellen und dort hatte ich zum ersten Mal verspürt was Klettern eigentlich ist. Am Valgrande waren wir eine Einheit, wir hatten während der Kletterei kaum ein Wort mit einander gesprochen und doch waren wir uns so nah wie noch nie gewesen dort oben warst Du ich und ich war Du, wir hatten den größten Tag unserer Freundschaft erlebt. Nach der Carlesso-Menti und den anderen Touren in der Civetta kam in mir so etwas wie Zufriedenheit auf. Ich stellte mir vor am Sella-Paß zu liegen, ein paar kurze Routen an den Sella-Türmen zu klettern um dann so langsam in Richtung Chamonix zu fahren. Diese Zufriedenheit hielt bei Dir nur einen Tag an, das tolle Wetter durften wir nach Deiner Auffassung nicht tatenlos verstreichen lassen und so sah uns der nächste Tag wieder am Straßenrand stehen. Die mächtigen Rucksäcke plazierten wir dieses Mal so, daß sie nicht auf den ersten Blick zu sehen waren und hofften, daß wir so unsere Chancen mitgenommen zu werden maximieren konnten. Unser Ziel waren die Drei Zinnen, denn da wir in der Civetta so großartig zugeschlagen hatten durften wir uns nicht mit irgendwelchen Touren zufrieden geben, da mußte ein klingender Name her. So fiel die Wahl auf die Comici an der Großen Zinne. Wenn die noch klappen würde, Mensch, was würden die Anderen Augen machen. So war auch bei mir die Vorstellung von einer langsameren Gangart wie weggeblasen. Deine Unruhe riß mich mit und ich konnte es kaum erwarten vor der Nordwand der Großen Zinne zu stehen. Die Carlesso hatte auch bei mir ihre Spuren hinterlassen. Einen ganzen Tag dauerte es bis wir an der Auronzo-Hütte ankamen und gleich am nächsten Morgen wanderten wir von dort zur schattigen Nordseite der Zinnen. Beim Anblick dieser glatten und überhängenden Mauern stockte mir der Atmen, zu abrupt ist der Übergang von den sonnigen Flanken der Südseite über den kleinen Paß in diese ganz andere Welt. Sobald ich meinen ersten Blick auf diese Wände geworfen hatte brach in mir Alles zusammen. Wie eine schwarze Wolke zogen in mir Angstgefühle auf, die ich nicht kontrollieren konnte. Mit dieser Last schleppte ich mich zum Wandfuß, zitterte mich die ersten leichten Seillängen hinauf und zu meinem Glück warst Du mit dem Vorstieg der ersten schweren Länge an der Reihe. Du mußtest erkennen, daß keine Haken in der Wand steckten, völlig ausgenagelt war die Route und wir hatten keinen einzigen Haken dabei. Dein Angebot es einmal zu probieren lehnte ich mit bibbernder Stimme ab und so seilten wir geschlagen ab. Ich war heilfroh, als wir aus der Nordseite wieder in die sonnenbeschienene Welt eintraten. Doch der Schrecken der Angstwelle, die wie aus dem Nichts über mich gekommen war, saß noch tief in meinen Knochen und ich war froh, daß das nicht der Grund für den Abbruch der Tour gewesen war. Ich konnte das für mich behalten und so blieben mir harsche Worte von Dir erspart. Die Wochen in den Dolomiten gingen zu Ende, wir trampten zurück zum Sella-Paß, sammelten dort die Reste unserer Ausrüstung ein und dann ging es mit der Eisenbahn nach Camonix. Eingekeilt zwischen dem Aiguille Rouge Massiv und dem Mont Blanc Massiv brütete Chamonix am Tag unserer Ankunft in der Sommerhitze vor sich hin. Mein erster Eindruck von diesem Bergsteigermekka war klaustrophobisch, von der ruhigen Atmosphäre der Steinernen Stadt oder der Coldai-Hütte war dort nichts zu verspüren. Autos zwängten sich durch die Straßen und überall liefen hartgesotten aussehende Bergsteiger mit Plastikstiefeln, Eispickeln und riesigen Rucksäcken herum. Ich kam mir völlig fehl am Platz vor und die riesigen Zacken der Aiguilles de Chamonix hoch über dem Ort, die drückten mir noch mehr auf der Seele. Das wurde erst etwas besser als wir mit der Montet-Seilbahn aus dem Tal unserem Ziel entgegen schwebten. Hier wolltest Du in den nächsten Tagen den großen Wurf unserer Bergfahrt landen das Couloir Couturier an der Aiguille Verte hatte sich schon lange in Dich hineingefressen. Es rangierte ganz oben auf Deiner persönlichen Traumtourenliste und ich sah es zum ersten Mal als wir durch den aufgeweichten Schnee des Argentiere-Gletschers zur Hütte stapften. Die Eiswand glitzerte in der Sonne, es war so warm, daß das Wasser über die Eisflanke herabfloß und ich erfuhr einen regelrechten Schock bei diesem Anblick. So etwas Riesiges hatte ich noch nie gesehen, durch die dunstige Hitzeluft war der ganze Berg wie in eine unerreichbare Ferne entrückt, wie eine Traumgestalt flimmerte die Aiguille Verte über dem Gletscher. Noch nie hatte ich erwogen so etwas hinauf zu klettern, die Dimensionen dieser Wand lasteten zentnerschwer auf mir. Ich war froh als wir ihr den Rücken kehren konnten, als wir den Gletscher in Richtung Argentiere-Hütte queren mußten. Ganz anders war Deine Reaktion auf das Szenario um uns. Voller Euphorie hast Du die Aiguille de Talefre, die Droites, die Courtes, die Aiguille Verte und deren Nordwände begrüßt. Mit dem Pickel hast Du Löcher in die Luft gestochert, als Du sie eine nach dem anderen mit dem Namen genannt hast, fast wie eine Beschwörung hatte sich das angehört. Du warst an dem Ort, an den Du Dich über Monate hingesehnt hattest. Ich spürte wie wir immer weiter auseinanderdrifteten. Du ganz unruhig, Du hättest am liebsten sofort losgelegt und ich wurde von einer namenlosen Angst überrannt. Ich hatte mir ein tiefes Loch gewünscht, in das ich mich vor diesen Wänden verstecken konnte. Fast wie den Aufschub einer Todesstrafe empfand ich Deinen Vorschlag am nächsten Tag anstatt in das Couloir Couturier einzusteigen erst einmal die Nordwand der Aiguille d`Argentiere zu machen. Die konnten wir von der Hütte nicht einsehen und so hatte diese Wand noch kein angstmachendes Pendant in meinen Gedanken erzeugt. Trotzdem schlief ich in der Nacht keine Minute und wurde von düsteren Angstwellen überrollt. Mitten in der Nacht brachen wir auf, ich taumelte Dir über den Chardonnet-Gletscher hinterher, unangeseilt sprangen wir über eine Spalte nach der anderen und ich hatte mörderische Kopfschmerzen. Ich kroch wie eine Schnecke über den im Mondlicht schimmernden Gletscher. Klar, daß Du mich einige Male mit herben Worten bedacht hast, denn der Faktor Zeit ist bei Eiswänden ganz entscheidend und als wir im Col de Chardonnet standen, da lag auch schon die Sonne auf den oberen Hängen der Argentiere-Nordwand. Als ich die Wand erblickte kam für mich, dort im Col de Chardonnet, der komplette moralische Zusammenbruch. Stocksteif vor brüllender Angst verweigerte ich einzusteigen, Dein gerechtfertigter Zorn kannte keine Grenzen, dort oben hast Du mir wütend und enttäuscht deutlich gesagt was Du von mir hältst und dann stiegen wir ab. Ich war über alle Maßen von mir selbst enttäuscht, an der Hütte angekommen brütete ich vor mich hin und zermarterte mir den Kopf wie es weitergehen sollte. Auch Du machtest Dir Deine Gedanken, den Rest des Tages gingen wir uns aus dem Weg und Deine Hoffnung war, daß ich wieder auf den Boden komme und daß wir am nächsten Tag die Aiguille Verte angehen konnten. Doch am nächsten Morgen war ich nur noch ein körperliches und seelisches Wrack, meinen Entschluß hatte ich gefaßt ich wollte nur noch weg. Deinen Entschluß hattest Du auch gefaßt. Das Couloir Couturier mußtest Du machen. Koste es was es wolle. Es gab nochmals heftige Worte von Dir, die ich über mich ergehen lies weil ich nicht mehr konnte. Wir stiegen nach Chamonix ab, gingen direkt zum Bahnhof und sortierten unser Material, welches wir in einem Schließfach deponiert hatten. Als wir damit durch waren bist Du gegangen, Du wolltest Dich betrinken und Dir einen Partner für die Aiguille Verte suchen. Ich schaute Dir nach bis Du auf dem Bahnhofvorplatz in der bunten Menge verschwunden warst, dann wartete ich auf den Zug nach Lyon. Lyon, Gare Central. Ich saß auf den roten Plastikstühlen am Bahnsteig und wartete auf meinen Anschluß nach Frankfurt. Die Luft war schwül und stickig, die Kleidung klebte mir am Körper und der Gestank des Bahnhofes war penetrant. Es war schon lange nach Mitternacht, ich saß da und starrte vor mich hin. Deine Worte hämmerten in meinem Kopf, ich fühlte mich so schlecht wie noch nie und ich sackte immer tiefer in ein düsteres Loch hinein. Auf das Glasdach des Bahnhofes trommelten Regengüsse und über der Stadt ging ein heftiges Gewitter nieder. Blitze zuckten am Himmel, der gedämpfte Donner mischte sich mit den Ansagen aus den Lautsprechern und dem Kreischen der Bremsen von ankommenden Zügen. Diese Gewitter über Lyon waren die Vorboten eines fürchterlichen Wettersturzes über den Westalpen. Dieser erwischte Dich nachdem Du das Couloir Couturier an der Aiguille Verte durchstiegen hattest. Den Abstieg vom Gipfel hast Du nicht überlebt. Seitdem klettere ich für zwei.