Von großen Plänen und was daraus geworden ist.

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Die letzte Tour des Jahres ist geklettert und ein neues Jahr mit neuen Projekten, mit neuen Bergträumen ist nur noch wenige Stunden entfernt. Ich sitze hier in der frühlingshaften Luft und beschienen von der spanischen Sonne, blättere durch meinen Kalender und lasse die Erlebnisse des Jahres vor meinem geistigen Auge Revue passieren. Das ist die ideale Gelegenheit für einen kleinen Rückblick auf 2001- was ist aus den gesteckten Zielen geworden, was waren die herausragenden Erlebnisse in der Felsenwelt und was kann als Grundlage für neue Ziele dienen? Schon zu Beginn des Jahres stand fest, dass es wieder in die USA gehen sollte, die Ziele waren schnell ausgemacht und das Team stand auch schon fast zu 100% fest. Mit Arndt und Klaus sollte es im September für vier Wochen ins Yosemite Valley und in die Red Rocks gehen, die Mescalito am El Cap und eine freie Begehung der Hernbert-Hamilton an der Rainbow Wall sollten die Motivationsgrundlage für die kommenden Monate sein. Und die Motivation war auch bitter nötig, denn die ersten drei Monate im Jahr brachten wettertechnisch nur herbe Enttäuschungen und bis auf ein paar Lichtblicke, die ich schamlos in Ettringen und in der Pfalz ausnutzte um ein paar Säcke aus 2000 abzuhängen, hieß es sich bis Ende März an Plastikgriffen zu knechten und so viel Fingerkraft wie möglich aus dem Kunstharz zu saugen. Doch im April kam in der Form eines Trips mit Arndt und Martina nach Siurana und La Mussara die Erlösung vom Hallenmuff. Blendendes Wetter, bombastische Sportklettereien und die Erkenntnis, dass die physische Form voll stimmt machten die zwei Wochen in Spanien zu einer furiosen Ouverture in Sachen Klettern. Die Kletterei und die Landschaft eines neuen Konglomeratgebietes bei Margalef setzen dem Ganzen noch die Krone auf, ein kleiner Wermutstropfen war nur, dass wir nicht dazu kamen im Montserrat die Libertad Provisional zu klettern eine Tour, die mir schon seit Jahren nicht aus dem Sinn geht, doch leider fing sich Martina am Ende des Trips eine herbe Grippe ein und teamfähig wir sind traten wir die Heimreise an. Zurück aus Spanien ging es daran die letzten offenen Projekte des vergangenen Jahres zu knacken und neue Linien zu erschließen. Wie schon in 2000 verging kaum eine Woche im Ettringer Basalt ohne die Erstbegehung von Neutouren, federführend als Einrichter und Erschliesser waren wieder Stefan, Hendrik und Thomas, am Fließband entstanden grandiose Touren in allen Graden, die mit zu den Besten gehören was Ettringen bereithält. Ich konzentrierte mich einerseits auf die Rißkletterei als Vorbereitung auf die Herbert-Hamilton und suchte für meine Erstbegehungen Linien die möglichst clean gehen und moralisch anspruchsvoll sind. Andererseits glückten mir auch ein paar Touren, die von anderen eingerichtet wurden und die sie großzügig zum Abschuss frei gegeben hatten ich persönlich finde diese Einstellung großartig und ich denke gerne an die Tage in den Löchern, an denen reihum an der Erstbegehung gefeilt wurde, die Erfahrungen und Tipps ausgetauscht wurden bis es einer geschafft hatte einer hat es zwar als erster geschafft, doch es war das Team, dass es ermöglicht hatte. Moralisch herausragend war im Mai die Erstbegehung der Full Mental Jaquet im Rattenloch, die erste crux war einen Sicherungspartner zu finden, die Rolle übernahm Stefan Golz und damit war die Sache schon so gut wie gebacken. Schw ierigkeitsmäßig nicht zu verachten war die erste Begehung des Requiems, eine Linie die Thomas eingerichtet hatte und die er mit geschlagenen Griffen verziert hatte. Als die ohne die künstlichen Griffe lief war mir klar, dass ich fett im Schuh stehe. Zwei Kurztrips nach Franken unterstrichen diese Einschätzung und es war klar, dass es an der Zeit war andere Muskelgruppen zu trainieren die im Hirn, noch Ende Mai ging es mit Kilian in den Elbsandstein. Leider zeigte sich das Wetter nicht von seiner besten Seite, trotzdem glückte mir eines meiner großen Ziele für dieses Jahr fast auf Anhieb, mit der Begehung des Sportplatz am Kleine Halben gelang mir meine erste sächsische Xa, die zudem moralisch nicht ohne Anspruch war. Als dann das Wetter vollends schlecht wurde verlegten wir unser Aktivitäten ins Fränkische, wo wir unsere Nerven eine Verschnaufpause gönnten und unsere Finger vollends zu Schrott kletterten nach zwei Wochen waren wir komplett auf der Felge, doch wir fühlten uns wohl dabei. Im Juni ging es weiter so, in Ettringen glückte mir die erste Begehung einer finsteren Wandkletterei an der Music Hall- das Strukturdefizit (nomen est omen) und der Sonnengott, eine grandiose Linie mit einer bitteren crux, eingerichtet von Stefan, lachte mit nach ein paar Versuchen zu. Dann ging es wieder in den Elbsandstein, diesmal unter anderen Vorzeichen. Mit Regine besuchte ich eine Aufführung des Freischütz auf der Rathener Naturbühne. Passend zu dieser romantischen Oper von Weber war das Wetter düster und gewittrig, Nebelschwaden waberten über den Gründen und Regenbogen standen über der Felsenwelt, trotzdem konnte ich nicht die Finger vom Fels lassen. Die düstere romantische Stimmung verleitete mich zu etwas was ich seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht hatte und so war ich eines morgens solo am Gamrig unterwegs. Dort stieg ich wieder in die Welt der tiefen Konzentration und schnellen Entscheidungen ein, zunächst keine schwierigen Wege, doch auch im sächsischen VII grad musste ich hellwach bleiben und mit jeder Tour fühlte ich mich sicherer. Zurückgekehrt gelang mir in Ettringen meine bis dato schwierigste Erstbegehung die Vide Cor Meum in Mordor. Euphorisch stufte ich die Linie mit IX+/X- ein, der Zweitbegeher warf IX+ dafür aus. Egal, für mich war diese Tour ein besonderes highlight im Gepäck für den nächsten Trip in den Elbsandstein, den ich mit Stefan Golz unternahm. Dieser Trip war ganz den klassischen Linien gewidmet und da Stefan zum ersten Mal im Elbsandstein war galt es ihm die feinsten Sachen zu servieren, sein erster Vorstieg in einer typischen Sachsentour war das große Ereignis auf diesem Trip ansonsten gönnten wir uns großzügige Wege mit Rissen, Knotenschlingen, das volle Programm. Uns glückte Alles und ich fühlte nun vollends, dass meine Nerven gut Form waren. Die wurden dann in der ersten Juliwoche gefordert. Mit Regine genehmigte ich mir eine sonnige Woche in Calpe. Es war gnadenlos heiß, dafür hatte das Meer ideale Temperaturen und nur in den frühen Morgenstunden war es möglich etwas zu klettern. Also war ich immer kurz vor Sonnenaufgang auf den Beinen, kletterte zunächst in den Klettergärten solo herum, feilte an meinem Sicherungssystem und durchstieg dann so vorbereitet zwei lange Routen im unteren VII. Grad im Echo Valley. Das waren tiefe Eindrücke, kein Mensch weit und breit. Die karge Landschaft ringsherum, kein Lüftchen regte sich und sobald die Sonne über den Horizont kam glühte die Welt. Das lief so gut, dass ich zum Abschluss eine Alleinbegehung am Espelon Central des Puig Campana durchzog 13 Seillängen bis zum V. Grad, komplizierte Wegfindung, etwas brüchiger Fels und atemberaubende Tiefblicke. Hier sicherte ich nur kurze Passagen, zumeist ging es free solo zum Gipfel, der mir eine grandiose Aussicht auf die hitzflimmernde Landschaft und das spiegelglatte Meer bot. Nach diesem Ausflug in den sonnigen Süden lies ich es bis Ende August etwas ruhiger angehen. Vorwiegend war ich in Ettringen zu Gange, knüppelte mich durch alle Risse, die mir vor die Flinte kamen, spulte mein Rissprogramm im Mut der Verzweiflung, der Hydra und dem Seepferdchen ab, delektierte mich in Berdorf und feilte an den letzten Vorbereitungen für den Amerikatrip. Dazu gehörte auch die Erstbegehung von einigen techno-Touren in Ettringen, eine Gaudi, die ich gemeinsam mit Klaus durchführte und die uns zeigte, dass wir auch in den Leitern und cliffs einen sicheren Stand hatten. Klaus gelang mit der Geflügelfrikadelle, nachdem er dort einen denkwürdigen Abgang hingelegt hatte die schwerste techno-Tour Ettringens und ich lies mich mit eine paar deftigen Schlossereien an der Kranwand auch nicht lumpen. Ende August ging es mit Holgi in die Alpen. Vier grandiose Tage an den Wendenstöcken, der Kingspitze und am Hintisberg beschlossen den Sommer. Wir schwelgten uns die Excalibur hinauf und düsten wie die Raketen durch die Kingspitze NO-Wand. Am Hintisberg fanden wir alpine Sportklettereien und landschaftliche Eindrücke der Extraklasse, das war genau der richtige Ort um persönlich den Berg- und Klettersommer in heimatlichen Gefilden abzuschließen. Der September war da, alle Vorbereitungen waren gelaufen, ich fühlte mich fit wie noch nie und da sich das Wetter in Deutschland und den Alpen endgültig verabschiedete war es höchste Zeit in den Flieger zu steigen um die großen Ziele des Jahres endlich anzugehen. Doch schon in der Woche vor unserem Abflug kam ein Dämpfer Arndt musste seinen Flug canceln, der tragische Bergtod eines guten Freundes machte es ihm unmöglich an unseren Vorhaben teilzunehmen. Die Planung kam ins wanken, denn mit Arndt wollte ich in die Herbert-Hamilton und dann, nachdem Klaus eine Woche später eingeflogen war, sollte es an den El Cap gehen. Also modelte ich den Ablauf um, zum Glück hatte Brian Schmidt aus Sonora Zeit um mit mir in der ersten Woche was zu klettern. Am 11. September wollten wir ins Valley fahren um dort einen kleinen wall zu machen, doch das was die Nachrichten in der Frühe brachten versetzte uns einen tiefen Schrecken und es war bedrückend bei Brian zu stehen, der völlig aufgelöst die unglaublichen Bilder auf der Mattscheibe verfolgte. Trotzdem fuhren wir ins Valley, stiegen in zwei gemütlichen Tagen durch die Prow an der Washington Column, verdrängten das was geschehen war, doch zurück im Tal wurde alles wieder zu einer bedrückenden Gewissheit. Hinzu kam noch, dass Klaus keine Chance mehr hatte in die USA zu kommen, alle Flüge waren auf Eis gelegt und die Warteliste war länger als sein Urlaub. So verpufften unsere Pläne und Träume schlagartig. Brian nahm sich noch eine Woche unbezahlten Urlaub und wir starteten einen Versuch am El Cap. Auf einen schwierigen wall hatte er keine Lust, doch für die Triple Direct konnte er sich begeistern. Am ersten Tag kamen wir bis zu Camp IV, es lief blendend , das Wetter präsentierte sich von seiner besten Seite, die Hitze war gerade so zu ertragen. Aber am Ende des Tages bekam Brian einen ausgewachsenen psyche-out, nichts ging mehr, seine Nerven brannten durch und wir mussten unsere Begehung abbrechen. Nach einer Nacht im portaledge seilten wir am nächsten Tag über die Piste der Nose ab, packten unser Zeug und wechselten ins Owens Valley, wo wir mit phantastischen Sportklettereien und in den heißen Quellen ein paar traumhafte Tage verbrachten. Dann musste Brian wieder arbeiten und ich stand alleine da. Im Valley fand ich niemanden, der sich für meine Tourenvorstellungen begeistern konnte. Enttäuscht fuhr ich in die Red Rocks, doch auch hier war kein Partner für die Herbert-Hamilton zu finden, eine Tour, die mir noch mehr am Herzen lag wie ein big wall, der all meine Vorbereitungen gegolten hatten. Hier erreichte ich den Tief- und Wendepunkt des Trips. Völlig demoralisiert wanderte ich zwei Tage durch das Death Valley, in der flimmernden Hitze und in der traumhaften Wüstenlandschaft fand ich wieder zu mir und schöpfte neuen Mut. Ich fuhr in den Zion-Canyon, suchte auch dort nach Partnern, aber es war wie verhext keiner konnte sich dafür begeistern mit mir auf Tour zu gehen. Also entschloss ich mich in der verbleibenden Zeit Alleinbegehungen durchzuführen. In zwei Tagen glückte mir die Touchstone Wall, eine recht einfache techno-Tour am Cerberus, die nur ganz wenige knifflige Passagen bot, doch jederzeit genügend Anspruch bot um immer voll konzentriert zu bleiben. Zurück im Tal gönnte ich mir zwei Tage Pause, spazierte durch die herrliche Landschaft des Canyons und entschloss mich dazu eine letzte Alleinbegehung zu starten. Dafür wählte ich eine anspruchsvollere Nummer am Angels Landing aus die Prodigal Sun. Vier Tage erlebte ich wie einen ganz langen Tag, der körperliche Anspruch verblasste im Vergleich zu der dauerhaften psychischen Anforderung, in den Nächten fand ich kaum Schlaf und die Tage in der Wand sind wie aus meiner Erinnerung gebrannt, wie in Trance schlosserte ich mich durch die Risse und Rißspuren der 600m hohen Wand. Drei Tage lang fixierte ich, der Biss einer giftigen Spinne setzte mich für einen ganzen Tag außer Gefecht und mit Fieber und Schüttelfrost lag ich einen Tag in der Pampas ich dachte ich sei geliefert. Als es mir wieder besser ging stieg ich wieder ein, nur um in der fünften Länge einen 20 Meter Abgang hinzulegen. Nervlich komplett gebeutelt schaffte ich es dann am Ende des vierten Tage auf dem Gipfel auszusteigen. Mit gemischten Gefühlen stieg ich ab und trat die Heimreise an die großen Ziele des Jahres waren nicht gelungen. Andere Touren sind gelungen, die ich aber nur schwer einordnen kann. Ich hatte in der Prodigal Sun eine persönliche Grenzlinie überschritten, was mir sehr viel Kraft und Moral abgefordert hatte und mir war klar, dass ich diese Linie weder in der Herbert-Hamilton noch in der Mescalito überschritten hätte. In dieser Hinsicht ist mehr gelaufen als ursprünglich geplant war, doch kann es das sein? Die Freude beim Klettern kam viel zu kurz, bei den Alleinbegehungen habe ich meine Freunde sehr vermisst und die Aneinanderreihung von Hoffnung und Zweifel während des Trips hatten mich mächtig gebeutelt. So war es kein Wunder, dass ich in den letzten Monaten des Jahres eine ruhige Kugel geschoben hatte. In Ettringen gelang mir noch die Erstbegehung einer schwierigen techno-Tour im Alleingang der Kuss der Spinnenfrau am Pfeiler beim Schiffsbug -und ein paar schöne Herbsttage in der Pfalz waren auch noch drin. Im November und Dezember war es dann vorbei mit den Schönwettertagen, entspannte Plastikkletterei stand auf dem Programm und zum Jahreswechsel ging es mit Regine wieder nach Spanien. Die letzten Tage des Jahres verbrachte ich unter spanischer Sonne und mit griffigem spanischen Kalk in den Fingern. Den Schlußstrich unter dieses Jahr zog ich mit der Solobegehung eines Klassikers am Penon d´Ifach. Und was kommt in 2002? Die Erlebnisse des USA-Trips haben sich inzwischen ein wenig gesetzt, trotzdem fühle ich mich noch immer abgeschlagen und vom Kopf her müde und erschöpft. Dass ist aber kein Grund um keine neuen Ziele ins Auge zu fassen. So wie es aussieht werde ich mit Holgi im März für eine Woche in den Süden flüchten, bis dahin wird es sich wohl nicht vermeiden lassen vorwiegend in den Hallen die Runden zu drehen. Im April geht es dann wieder für drei Wochen in die USA, mir geht die Herbert-Hamilton nicht aus dem Kopf und mit Holgi wird es diesmal klappen. Danach werden wir sehen was wir dort treiben, in die Canyonlands oder einen leichten wall im Zion, was auch immer die Hauptsache ist, dass ich mit einem guten Freund unterwegs bin, der Rest ergibt sich von selbst. In Ettringen wird es dieses Jahr wieder schwerpunktmäßig an Erstbegehungen gehen, im neuen Kessel will ich mir Linien aussuchen, die ich ganz nach meinem Geschmack begehen möchte, der Elbsandstein steht wie jedes Jahr hoch im Kurs und im Sommer reizen mich einige Linien an den Wendenstöcken, am Hintisberg und an der Aig. Noire de Peutery im Mt. Blancgebiet. Na, das motiviert doch wieder bis unter die Haarspitzen. Jetzt bleibt mir nur noch Euch Allen ein erfolgreiches und vor allen Dingen gesundes 2002 in den großen und kleinen Felsen zu wünschen viel Glück bei der Verwirklichung aller vorhaben, am Fels oder sonstwo.
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