TRAUMFRAGEN
Manchmal träumt es mir von Felsen. Die Träume sind so realistisch, daß ich mir im Schlafe sicher bin sie finden zu können und mich sofort auf die Suche nach ihnen begeben will. Der eine steht irgendwo im Taunus und ich bin schon einmal dort gewesen, in einem anderen Traum. Ich kann mich im Traum vage daran erinnern, daß es war dort so schön, sodaß ich mich sehnend auf die Suche nach ihm mache. Durch grüne Frühlingswälder fahre ich, durch hügeliges, baumbestandenes Land, wie im Tal der Usa hinter Ober-Mörlen. Hinter jeder Biegung erwarte ich den Fels. Er steht am Rand einer Wiese, beschattet von den ersten Bäumen, sein Fels ist grau-grün mit runden Formen ich glaube zu wissen wie er aussieht, wie er sich anfühlt. Doch ich habe ihn nie mehr in meinen Träumen finden können, ich bin immer irgendwo anders herausgekommen. Ein anderer Traum, an einem anderen Ort. Wo die Felsen auf einer obstbaumbestandenen Hochfläche stehen sollen so raunt es mir im Traum Sandsteinfelsen, freistehend und ich kann sie durch die Apfelblüten hindurch rot in der Sonne schimmern sehen. Aber mir gelingt es nicht sie zu erreichen, obwohl ich in ihre Richtung gehe. Und da ist noch eine andere Sandsteinwand in einem Dorf, ich fahre auf meiner Traumsuche immer an ihr vorüber, kann aber nicht anhalten, sehe die Ringhaken und wundervolle Linien. In meinen Träumen bin ich nie am Klettern. Ich bin immer unterwegs durch eine wundervolle Landschaft, mit sehnendem Herzen und staunenden Augen, irgendwelche geheimnisvollen Felsen suchend, um vielleicht an ihnen zu klettern oder um ihre Schönheit zu bestaunen. So ist es wenn ich mich in meinen Träumen auf die Suche nach den Felsen mache und manchmal fühle ich etwas aus den Träumen in den Tag hinüberwehen. So wenn ich in Berdorf bin, in diesen waldgrünen Schluchten, durch deren Spalten es kühl weht, das Moos an den grünen Felsen, die im durch Bäume gedämpften Sonnenlicht leuchten. Und dann wünsche ich mir das Elbsandstein herbei das Elbsandstein mit seinen Gründen, den sandigen Wegen, die durch enge Schluchten unter die Felsen führen wie der Weg zum Falkenstein oder die Wege über den Gründen, die in halber Höhe entlang führen, dort unterm Bussardturm, die Heilige Stiege, Falknerturm und Rotkehlchen-Grund. Schon diese Namen schlagen in mir eine Saite an, die ich fast schmerzlich in meiner Brust schwingen spüre. Irgend etwas webt dort, was auch in mir lebt, eine Bruderschaft, ein Verwandtsein, nirgendwo empfinde ich das so wie in der Sehnsucht nach der Schau von Birken im jungen Grün und nach schwarzen Felsen, die in waldgrünen Gründen fußen. Sind es die Erinnerungen an erste Felsfahrten, die schon längst mit der Zeit davongeschwommen sind und nun verwischt in den Träumen wieder auferstehen? Ist es die Suche nach verlorenen Eindrücken, die beim ersten Erleben so unendlich stark und so neu waren? Anders als bei den heutigen Fahrten, die ich als Erfahrener und etwas abgebrühter unternehme? Was ist das? Es ist Völlig unabhängig von den Kletterrouten, die ich bezwinge, losgelöst vom Grad der Schwierigkeit. Im Gegenteil, je leichter, je angenehmer das Steigen ist, desto intensiver wird das Erfahren des mich Umgebenden. Was zieht mich nur immer hinaus? Warum sehne ich mich nach einer Landschaft? Warum wünsche ich mich mir, irgendwo still schauend zu Sitzen, oder durch den Waldschatten zu laufen, den Wolken hinterher zu schauen, ihre Schatten auf dem Blätterdach zu bestaunen, die Wurzeln auf den Wegen anzusehen, das Moos auf den Felsen grünen zu sehen. Warum sehne ich mich verschlungene Wege zu gehen, entlang an Felsen, die Alter ausatmen, die sich wie alte Freunde aneinander lehnen, an die ich mich stützen und lehnen kann, weil sie auch meine Kameraden geworden sind? Und warum ist das Gefühl im Elbsandstein so stark und nicht in der Pfalz, wo ich eigentlich meine Kletterheimat habe und warum klingt es in Berdorf leicht an, immer wenn ich durch den Seewenschlurf zu den Felsen hinab gehe? Was birgt die Erde blos für Geheimnisse? Ich fühle sie und kann sie doch nicht benennen, noch nicht einmal richtig beschreiben kann ich sie. Es zieht mich immer wieder zu diese Orten hin und ich harre den kurzen Momenten wenn es über mich kommt, dieses sehnende, schmerzende Ziehen in meiner Brust, das sich Anlehnen und Umarmenwollen von Fels, Baum und Grund, das Verharren und Bleibenwollen,das Tiefatmenwollen, Armeausbreitenwollen, Stillseinwollen, Schauenwollen auf einer Felsspitze stehend. Ist das Alles nur der Ausdruck einer romantisch düsteren Seele, die sich von der Welt abwenden will, die, je Älter sie wird, immer stärker spürt, daß sie immer weniger und immer kürzer zu den Orten ihrer Kraft gelangt und deshalb langsam vorwegstirbt? Die noch versucht das zu erhaschen, was sie zum Überleben braucht, indem sie sich an Traumgesichten erfrischt? Teils wird das wahr sein und trotzdem hoffe ich bald wieder dort zu sein und fühlen zu dürfen wie es ist es einfangen geht nicht, aber ich will versuchen etwas davon zu beschreiben.