DREI TAGE AM FLETSCHHORN
Begonnen hat diese Geschichte wie so viele andere Geschichten, die mit den Bergen zu tun haben. Es war im Frühsommer 1990, Mitte Juni genauer, und der Anruf von Holger fand mich mehr als bereit für seine Idee eine schnelle Begehung an der Nordwand des Fletschhorns zu unternehmen. Er ist in Sachen Eis der Erfahrenere und gleichzeitig wusste ich, daß er in den Westalpen schon sehr viele klassische Nordwände gepackt hatte und somit seine Wunschliste auf ein paar sehr erlesene und zugleich anspruchsvolle Unternehmungen geschrumpft war. Zweifellos stand das Fletschhorn ganz oben auf dieser Liste dazu und im Eis ist anspruchsvoll synonym mit nicht ganz ungefährlich. Vielleicht wußte Holger, daß er mit seinem nachdenklich fragenden Vorschlag bei mir offene Türen einrannte, denn ich hatte immer noch nicht die Ereignisse des vergangenen Winters verdaut und mich dürstete es nach ultimativen Erlebnissen, nach Erlebnissen, die meinen Kopf leerfegen und mich auf andere Gedanken bringen sollten. Schon früh morgens bei der Abfahrt in der kühlen Morgenluft der dunstigen Wetterau glühten uns die Wangen vor Erregung. Im Gepäck hatten wir einen Wetterbericht vom feinsten, er versprach nicht nur Gipfelwetter, es wurde reinstes Biwakwetter für das Wallis vorhergesagt. Ein Biwak mußten wir auf alle Fälle in Kauf nehmen, denn keine Hütte befand sich auf der Nordseite des Berges, auch wurde das Fletschhorn selten besucht, ist es doch nur 3996m hoch und somit machte jeder ernsthafte 4000er Sammler einen Bogen um seinen Gipfel deshalb auch die fehlende Hütte. Noch vor 25 Jahren versprach das Schweizer Kartenblatt satte 4001 Meter. Uns interessierte das herzlich wenig, wir fuhren durch einen herrlichen Tag. Die alte Strecke die A 5 hinunter über Basel dann über das Jura in Richtung Bern. Unterwegs überlegte ich mir wie oft ich diese Strecke schon gefahren war, wie oft ich mir im Winter schon den Sommer herbeigesehnt hatte, davon geträumt hatte diese Strecke entlang zu fahren, denn immer dort wo sie aufhörte stand ein Berg, ein Traum, der mich über den Winter gerettet hatte. Ich schaute auf den Asphalt und beobachtete die Spurrillen, die wie Gleise für den Bus waren und ich mußte bei dem Gedanken lächeln, daß ich auch schon einiges zu ihrer Bildung beigetragen hatte. Bei Bern grüßte uns die gewaltige Mauer von Eiger, Mönch und Jungfrau. Während Holger fuhr, studierte ich den Anstieg im SAC Führer. Viel gab es über unsere Tour nicht zu lesen. Die Originalroute war nicht mehr existent, sie fiel dem Gletscherrückgang der vergangenen Jahrzehnte zum Opfer. Es existierte nur noch der Wiener Weg durch die Nordwand, der aus tausend Meter Eis und einem hundert Meter mächtigen Felsriegel besteht. Daß der Felsriegel kombiniert und brüchig sei, das war nicht anders zu erwarten. Erst zehn Begehungen hatte diese Route und daran war die große Stein- und Eisschlaggefahr nicht ganz unbeteiligt. Es ist eine Wand für die Nacht. Am Simplonpaß verließen wir die Straße und packten unsere Rucksäcke. Da wir komfortabel biwakieren wollten wurde der tausend Meter Aufstieg über Moränenschutt und den Roßbodengletscher zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. Mit jedem Schritt schöpften wir die klare Bergluft in tiefen Zügen ein und der Dreck der Stadt tropfte uns von der Nase. Der Tag verabschiedete sich mit warmen Farben, die Luft war lau, vom Gletscher fiel uns der Wind entgegen und der Fels roch nach Sommer. Bevor wir auf den Gletscher gelangten liefen wir an einem Stein vorbei, der einen Namen, ein Geburtsdatum und einen Todestag trug. Er sollte an einen der Erstbegeher erinnern, der beim Abstieg ums Leben gekommen war ein klarer Hinweis auf den Ernst unseres Vorhabens. Doch ein Spruch unter dem Todesdatum befremdete mich, ich konnte ihn mir nicht erklären. Er lautete "Hüte Dich vor den Oberflächen der Dinge". Beim Weitergehen murmelte der Spruch in meinem Kopf, doch ich fand keinen Reim auf ihn. Dann wurde das Eis des Gletschers steiler und bis zum Biwakplatz dröhnte wieder mein Herz zwischen den Ohren. Der Biwakplatz lag wunderschön auf einer Felskanzel, direkt vor dem Gletscher, der unter der Nordwand liegt. Wir konnten ungehindert auf diesen riesigen Eispanzer blicken, der rot in der untergehenden Sonne leuchtete, in Wandmitte eine große Felsinsel, die links und rechts von tief ausgefräßten Steinschlagrinnen begrenzt wurde. Und noch immer polterte es aus dem Gipfelbereich herunter. Am Tag ist diese Wand kein Ort für den Menschen, ich kenne niemanden, der tagsüber in ihr bestehen könnte. Kurz hatte ich den Eindruck als würde sich unterhalb des Gipfels eine Gestalt bewegen, doch ich hatte mich wahrscheinlich getäuscht. Als die Sonne aus der Wand gewichen war kehrte Stille ein, wir spurten vom Biwak zum Wandfuß damit wir in der Nacht keine Probleme mit dem Zustieg hätten. Der Routenverlauf war klar und über der Felsinsel vermuteten wir relative Sicherheit, was den Stein- und Eisschlag anbelangte. Eingemummelt in die Schlafsäcke tranken wir eine Flasche Dornfelder und teilten uns eine Zigarette. Trotz dessen, was uns bevorstand, fühlte ich mich entspannt und ruhig, genoß diese Mischung aus leichter Angst und Neugier. Der Wein lullte mich ein, von der Zigarette wurde mir etwas schlecht und ich schlief sogleich ein. Nachts wurde ich kurz wach, denn mir war, als hätte ich Schritte gehört, doch es waren nur Steine die sich gelöst hatten. Die Wand schwebte wie ein weißes Tuch im glitzernden Sternenhimmel tiefe Stille um uns. Dann klingelte der Wecker, bald brummte der Kocher, er warf ein blaßgrünes Licht auf unsere Gesichter, was immer so aussieht, als wäre einem elend zu Mute. Wir verließen das Biwak und stiegen auf den Gletscher ab. Der Schnee war hart gefroren und die Eisen knirschten, bissen sich fest. Beim Nachziehen der Schnürung riß einer meiner Riemen das wäre eine schöne Ausrede gewesen die Tour abzubrechen doch ich war weit davon entfernt. Wir bastelten etwas vorsintflutliches mit einer Reepschnur, es hielt prima, aber das hatte Zeit gekostet. Die aufgehende Sonne leckte schon am Gipfeleisfeld. Die ersten dreihundert Meter gingen ausgezeichnet, wir kletterten seilfrei und überwanden zwei Bergschründe, die keine allzu großen Probleme bereiteten. Am dritten Schrund steilte die Wand dann auf und wir begannen zu sichern. Erste Schneerutsche glitten links von uns zu Tal und rechts kollerten die ersten Felsbrocken die ausgefräßten Rinnen hinab. Das Eis wurde blank und stellenweise unangenehm splittrig, doch dafür saßen die Schrauben einigermaßen verläßlich. Als die Sonne uns erreichte standen wir unterhalb des Felsriegels. Jetzt begann meine Aufgabe. Mit kratzenden Steigeisen, die Pickel an den Handgelenken baumelnd, kletterte ich eine Rinne hinauf, die von einem vereisten Überhang abgeschlossen wurde. Vom Überhang hingen Eiszapfen herab, die mir als Griffe dienten und einen fädelte ich als Sanduhr. So gesichert spreizte ich über ihn hinweg, konnte meine Axt in das Wassereis darüber einschlagen und gelangte so auf einen guten Podest. Ein Standhaken fuhr singend in den Fels, ein zweiter wollte nicht so recht und als ich zu unkontrolliert zuschlug streifte der Hammer eine Felsschuppe, die abplatzte und eine seltsame Höhlung freilegte. Es war eine menschenförmige Höhlung mit Rumpf, Beinen, Armen und kleinen fingerähnlichen Gebilden, die wie in Angst und Schrecken abgespreizt waren und die Haue des Pickels drang dort ein wo der Kopf sitzen müßte. Ich fuhr verwirrt zurück, faßte mich dann wieder, trieb den Haken endgültig ein und holte Holger nach. Von meiner Entdeckung erzählte ich ihm nichts. Der zweite Teil des Felsriegels war äußerst schwer, ich gelangte auf einen Pfeilerkopf und hier schwang sich die Eiswand 500 Meter über uns auf. Alle Linien schienen auf mich zuzukommen, der Gipfel sah so nah aus, doch ich wußte, daß ich genarrt wurde. Die nächsten Stunden vergingen mit endlosem und eintönigem Hacken. Alle 50 Meter blieb ein kleines Loch zurück der Standplatz, dazwischen kleinere Löcher von abgeplatzten Schollen. Im Wandteil über dem Riegel hatte die Sonne uns in ihrer Macht, sie briet uns die Gesichter zu Brei und die Tiefe wurde langsam spürbar unangenehm. Das Auge hatte keinen Halt mehr, es glitt die weiße Fläche hinab bis irgendwo weit unten Felsen auftauchten. Wir klebten wie Fliegen an einem Uhrglas in dieser Wand, nur tickte bei uns kein Uhrwerk es waren unsere Herzen, die in unseren Köpfen schlugen. Dann mußten wir queren, die Gipfelwächte ragte zu weit heraus, hundert Meter nach rechts, ein Eiertanz über der Tiefe, die Nerven wurden stark gebeutelt. Das Seil lag wie eine müde Wäscheleine auf dem Eis. Holger stand fünfzig Meter rechts von mir, eine Schraube diente als Standsicherung, doch das Eis war inzwischen so labil geworden, daß die nichts gehalten hätte und aus dem Loch der Schraube rann ein kleiner Wasserstrahl wenigstens was zu trinken. Dann ging Holger die Wächte an, der Pickel stieß durch, er fing an zu graben, er hinterließ ein kreisrundes Loch, durch das der blaue Himmel linste und war verschwunden. Ganz allein stand ich in der Wand, meine Füße auf einem schmalen Tritt, den ich mir gehackt hatte und unter mir diese schreckliche Tiefe. Ganz links, dort an der fast senkrechten Seracmauer unterhalb des Gipfels meinte ich Spuren zu sehen war da gestern doch einer? Das konnte nicht möglich sein. Ich hatte das Gefühl schon eine Ewigkeit so alleine hier zu stehen und mir wurde langsam mulmig, aber da ruckelte es auch schon am Seil, ich stieg auch durch die Wächte und stand bei Holger, der sich eine richtige Badewanne in den weichen Schnee gebuddelt hatte. Nach neun Stunden waren wir draußen, die elfte Begehung war also geglückt doch noch nicht vollendet. Die Sonne stand schon bedenklich nah am westlichen Horizont und vor uns lag ein übler Abstieg, wir mußten uns sputen. Nach Westen ging der Blick über die Mischabel Gruppe und das Weißhorn zum Monte Rosa, ganz im Hintergrund der Mont Blanc. Wir sparten uns den Weg zum Gipfel. Unser Höhenmesser zeigte 3900 Meter und Eile war angesagt. Ich verstaute das Seil im Rucksack und wir stapften den Nordgrat hinab, immer mit Sicherheitsabstand zu den Wächten, die in die Nordwand ragten. Irgendwann mußte der 200 Meter Felsabbruch kommen, der würde noch einmal heikel werden, danach hätten wir aufatmen können. Als wir an seinem oberen Ende standen stockte uns der Atem. Zusammengefallene Platten, die aneinanderlehnten, als würden sie umfallen, sobald man sie zu scharf anschaut, bildeten diesen Steilabbruch und rechts ging es gleich in die Nordwand hinab. Plötzlich spürten wir, wie erschöpft wir waren, beide hatten wir keinen Mut mehr und entschieden uns nach Westen abzusteigen. Am Gletscherkessel weiter unten müßte eine Hütte sein und von unserem Standpunkt sah es so aus, als ob man nur den Gletscherhang absteigen musste, um dorthinzugelangen. Die Zeit drängte, wir dachten nicht mehr lange nach und es tat so gut mit weiten, ausladenden Schritten im Schnee hinabzugleiten. Langsam tauchten Senken im Schnee auf, er zeigte dort auch eine dunklere Farbe Spalten!- von links zogen sie heran, hier waren sie von Schnee bedeckt, nur die Senken verrieten diese heimtückische Gefahr. Spalten mag ich fast genausowenig wie Gewitter. Während ich mich so auf den jeweils nächsten Schritt konzentrierte, merkte ich nicht, daß der Hang immer steiler wurde. Dann kam wieder eine ebenmäßig weiße Fläche, ich schritt wieder weiter aus und unter mir verschwand der Boden. Kein Schreck, nichts, keine Angst na sowas dachte ich während meine Instinkte blitzschnell reagierten. Ich fand mich im Hürdensitz quer über einer Spalte hängend wieder. Die Frontalzacken am rechten, völlig ausgestreckten Bein steckten millimetertief in einem Eiszapfen, der über der schwarzen Tiefe blausilbrig hing. Ich war verwundert darüber, daß der überhaupt halten konnte. Mein linker Fuß hakte in der anderen Wand der Spalte und ich saß auf ihm, drückte mit meinem Gewicht die Zacken leise kreischend über das Eis. Meinen linken Arm hatte ich mit dem Ellenbogen in den Schnee gerammt und mit dem rechten Arm hatte ich hinterrücks den Pickel in den Schnee geschlagen, dieser hielt zum Glück, er hatte irgendwie gebissen. Als ich ihn etwas mehr belastete pflügte er durch den Schnee, am Eiszapfen bröckelte es ein wenig, doch der Pickel griff wieder, ich hatte mich wieder stabilisiert. Mein Blick ging zwischen den Beinen hindurch ins Nichts, nach hinten konnte ich nichts sehen, hörte auch nichts war Holger noch da? War er auch irgendwo eingebrochen? Ich hatte das Seil im Rucksack, ich war ganz ruhig und betrachtete meine Situation genauer. Zwei glattpolierte, parallele Wände, die eineinhalb Meter getrennt waren schossen in die schwarze Tiefe. Oben hatten sie einen Kragen aus Eiszapfen, Schnee bröckelte hinab. Ein kalter Hauch aus dem Berg saugte an meinen pumpenden Lungen. Die Spaltenwände waren glatt wie Glas und knochentrocken wie eine Schlangenhaut. Mein linker Handschuh fror sofort am Eis fest und als ich ihn losriß, hörte es sich wie zerreißendes Papier an. Und dann sah ich etwas es starrte mich aus dem Eis an, ganz nah aus dem Bereich wo das letzte Licht der Welt ins Schwarze überging, wo noch etwas Tageslicht die Glaswand abendblau erhellen konnte. Dort sah ich ein zurückstarrendes Gesicht. Jetzt kam die Angst, in Wellen, wie eine anbrandende Armee und dann war auch schon Holger da. Er rammte mir seinen Pickel zwischen Rücken und Rucksack hindurch in den Schnee hinein, holte das Seil aus meinem Rucksack, buddelte eine neue Badewanne und dann stieß ich mich am Eiszapfen ab, zog wie verrückt am Pickel und strampelte mich von dem Loch weg. Mein Herz raste, aber nicht von der Anstrengung sondern wegen dem, was ich in der Spalte gesehen hatte. Wir konnten nicht weiter absteigen, denn mit dieser Spalte begann ein ünübersichtlicher Gletscherbruch. Wir mußten wieder zurück, hatten viel zu viel Zeit verloren und standen im letzten Licht wieder am Felsgrat. Zum Glück hielt das Wetter. Unsere Nerven lagen blank als wir über schwankende Felsgebilde hinuntertaumelten, keine Sicherung war verläßlich. Zweimal band ich mich aus, damit ich Holger nicht mitgerissen hätte, falls ich gestürzt wäre, und so stieg ich ungesichert zu ihm ab. Ein Sturz nach rechts wäre in die gähnende Tiefe der Nordwand gegangen und nach links über stufiges Gelände in ein anderes Gletscherbecken. Unsere Stirnlampen funzelten in der Nacht herum, wir waren zwar nicht müde, doch irgendwie völlig ausgehöhlt. Über uns spannte sich ein gleißender Sternenhimmel, die Milchstraße wie ein funkelndes Band, mir kam alles so unwirklich vor. Ich hatte das Gefühl in einer Glaskugel zu sitzen, so eine, wie ich sie als Kind einmal hatte, in der es anfängt zu schneien, wenn man sie schüttelt. Dann standen wir wieder auf Schnee und über Felsplatten ging es fast eben weiter. Das schlimmste hatten wir hinter uns und mit der nachlassenden Anspannung kam die Müdigkeit. Wir gruben uns hinter einem Felsblock in den Schnee, krochen in den Biwaksack und kauten mit ausgedorrter Kehle auf einem nach Pappe schmeckenden Müsliriegel herum, dabei platzten die Lippen wie Bratwürste auf dem Grill. Dann starrten wir zum Himmel hinauf, das stetige Geflimmer der Sterne schaukelte mich in den Schlaf und ich war ganz schnell abgetaucht. Mitten in der Nacht schreckte ich aus dem Schlaf auf, irgend etwas war in der Nähe unseres Biwakplatztes, ich hatte das Gefühl nicht mehr alleine zu sein huschte da ein Schatten am Grat entlang Holger lag schlotternd bei mir, ich wunderte mich, denn mir war gar nicht kalt. Der Vollmond tauchte die Welt in ein bleiernes Licht, kein Lüftchen regte sich und mir war als hätte die Welt aufgehört die Zeit zu zählen. Ich schaute mich um und alles war still, im Norden sah ich die bleiche Silhouette des Bietschhorns und weiter westlich davon das Doldenhorn. Unter den Gipfeln lief eine Straße entlang, Autos fuhren dort hin und her, Ampeln sprangen um und eine Stadt war zu sehen wurde ich nun auch noch höhenkrank? Eine Straße mit Ampeln auf über 3000 Metern und dann noch das Gefühl nicht alleine zu sein, auch Holger war inzwischen still, viel zu still. Wie ekelhafte Langusten kamen die Gedanken der Angst herangekrochen, ich hatte schrecklichen Durst und lag starr im Biwaksack. Die Sterne funkelten noch und ich driftete wieder in leere Träume ab. Träume von Wesen, die sich wie Ertrunkene unter einer geschlossenen Eisdecke bewegen, mit dem Gesicht nach oben und die letzte Luftblase im weit aufgerissenen Mund. Wir wurden beide gleichzeitig wach, als ein riesiger Felssturz die Nordwand herabkrachte. Er fuhr unsere Aufstiegslinie hinunter. Die Sterne funkelten nicht mehr und nur noch die hellsten standen silbrig am bleichen Morgenhimmel. Im Osten glomm schon der neue Tag über einem dichten Nebelmeer, es war Zeit zum Aufstehen. Eine Inversionsschicht auf 3000 Meter beruhigte meine Angst der Nacht ein wenig, einer Luftspiegelung bin ich auf den Leim gegangen. Aber die Traumgestalt unter dem Eis, die hatte mich auch aus der Spalte angeschaut so ganz war ich noch nicht von den Erlebnissen der letzten Tage kuriert. Nachdem wir uns aus dem Biwaksack geschält hatten, gingen wir zum Grat und starrten in die Nordwand hinab. Sie glomm rot im Morgenlicht, ein schwarzer Streifen in ihrem linken Teil zeigte die Bahn des Felssturzes an und ganz in der Nähe dieser Bahn sah ich einen kleinen blauen Lichtpunkt, er bewegte sich, aufgeregt machte ich ein Photo davon. Wer war dort unterwegs? Der mußte doch den ganzen Felssturz voll abbekommen haben. Dann war der Punkt verschwunden, mit mulmigem Gefühl begannen wir den weiteren Abstieg. Er dauerte nochmals den ganzen Tag, eine 300 Meter hohe Eiswand mußten wir abklettern, dann eine völlig aufgeweichte Steilrinne, die über einem 100 Meter hohen Steilabsturz endete. Zum Glück fand ich den richtigen Ausstieg aus der Rinne, wir querten über Schuttbänder zurück zum ersten Biwakplatz, hier fand ich auch endlich wieder Gras und kleine gelbe Blümchen. Völlig ausgelaugt und erschöpft wartete ich heulend auf Holger, dann gingen wir gemeinsam zu unserem Biwakplatz zurück. Mein Gesicht bestand nur noch aus Hautfetzen und nässenden Blasen, Holger sah nicht viel besser aus. Wir tranken ohne Unterbrechung und langsam stieg die Freude in uns hoch. Es war die Freude über ein bestandenes Abenteuer, wir lagen in der kühlenden Abendbrise und schauten dem Spiel des Lichtes zu, schliefen ein, wurden im Sternenlicht wach und die Luft streichelte unsere brennenden Gesichter. Tags darauf stiegen wir über den Gletscher hinab, wie schön war es wieder auf Wiesen zu gehen, dann sogar ein Pfad, der zur Roßbodenalm führte. Als wir an der Alm vorübergingen winkte uns der Bauer zu sich und fragte uns ob wir das dort oben gewesen waren und als wir seine Frage stolz bejaht hatten erzählte er uns, daß er die ganze Zeit ein Auge auf uns gehabt hatte, besonders in der Nacht als wir oben am Grat unterwegs waren. Dann fragte er uns wo die anderen seien die mit uns dort oben waren. Mir blieb fast das Herz stehen, ich stutzte ein klein wenig und spürte wieder das mulmige Gefühl in mir aufkommen. Holger konnte nichts mit der Frage anfangen und ich hakte vorsichtig nach. Ja, meinte der Bauer, er hätte noch mindestens sechs Lichter um unseren Biwakplatz gesehen, die sich die ganze Nacht nicht bewegt hatten. Mir mußte die Farbe aus dem Gesicht gewichen sein, als er dies sagte und er schaute mich an, fragte mich ob mir nicht gut wäre, oder ob ich dort oben irgend etwas außergewöhnliches erlebt hätte. Ich erzählte ihm die Sache mit der Spalte und den Gefühlen in der Biwaknacht. Da winkte er uns an einen Tisch, der im Schatten der Hauswand stand, brachte uns den schweren roten Wein der Gegend und selbstgemachten Käse, der nach Gras und Milch roch. Er setzte sich zu uns und erzählte uns von den Wesen, die unter der Oberfläche des Eises und der Felsen leben, so wie vor Jahren sein Vater ihm von ihnen erzählt hatte. Sein Blick glitt dabei in weite Ferne, seine Stimme nahm die Wärme des Nachmittages eines schönen Sommertages an und vor unseren Augen öffnete sich die Welt der Zwischenwesen. Die Zwischenwesen, so erzählte er, leben im Fels und im Eis, sie bewegen sich in Form von kleinen Höhlungen und Rissen fort, die hier und da auftauchen und wieder verschwinden, um wieder an einem anderen Ort zu erscheinen. Wo, daß kann niemand vorhersagen. Im Eis erscheinen sie als eingeschlossene Luftblasen, welche die Form eines Menschen besitzen. Aber diese Wesen werden sich nie aus dem Fels oder dem Eis hinaus in die sie umgebende Luft begeben, der Wind würde sie in alle Richtungen davontragen. Die Wände ihrer Häuser im Fels sind aus Leere gemacht und sie besitzen Zelte im Eis deren Wandungen der schimmernden Haut einer Seifenblase gleichen. Am hellen Tag bleiben sie starr und unbeweglich im Fels und in der Nacht wandern sie durch das Felsgestein und das Eis, um beim Licht des vollen Mondes zu tanzen. Aber niemals sehen sie das Licht der Sonne, sie würden sterben und für immer vergehen. Das einzige was sie essen ist Leere, so wie die Form ihres Körpers erscheint und sie betrinken sich an den leeren Worten und den bedeutungslosen Ausdrücken, die wir Menschen von uns geben. Einige Leute meinen, daß sie schon immer existieren und für immer existieren werden. Andere sagen, daß es die Toten seien. Aber wahr ist, so wie ein Schwert seine Scheide besitzt oder jeder Fuß einen Abdruck hinterläßt, daß jeder Mensch in den Bergen sein Gegenwesen besitzt und beide werden im Tode miteinander vereinigt. Aber ist die Zeit eines Menschen noch nicht abgelaufen, so muß er sich davor hüten einem dieser Wesen zu begegnen oder es sogar zu verletzen. Sie können zwar nicht in unsere Welt eindringen, aber sie können an die Oberfläche der Dinge gelangen und von dort den Menschen Schaden zufügen."Achtet auf die Oberfläche der Dinge", die Stimme des Bergbauern veränderte sich beängstigend und ich erwachte wie aus einem Traum. Es war die Stimme seines Vaters, daß wurde mir plötzlich bewußt, denn nur sein Vater konnte ihm diesen Rat mit auf den Weg gegeben haben und sein Vater wußte wovon er sprach, denn er war einer der beiden Männer, die 1931 als erste die Nordwand des Fletschhorns bezwungen hatten. Er hatte den Gedenkstein für seinen Freund aufgestellt, der beim Abstieg sein Leben verloren hatte und jetzt klärte sich für mich die Inschrift des Steines. Denn sein Sohn kannte auch die Geschichte der Erstersteigung und als er sie uns erzählte, gewann sie eine beängstigende Dimension, die sich bis zu unserer Begehung auszudehnen schien. Die beiden Freunde waren erfahrene Alpinisten, erprobt in vielen schwierigen Wänden und der Sommer des Jahres 1931 hatte schon viele große Erfolge gebracht. Die Ostwand des Monte Rosa, die Obergabelhorn Nordwand und die Liskamm Nordwand mußten sich ihnen ergeben. Beide fühlten sich stark für ein ganz großes Unternehmen für die Mauer des Fletschhorns, ein Ungeheuer aus Fels und Eis. Der Bauer kannte sie gut, stand doch seine Alm auf den Wiesen zu ihren Füßen und er hatte sie schon jahrelang beobachtet. In der Nacht zum 31. August standen die beiden Freunde unter der Wand und ein zähes Ringen begann, ganze 17 Stunden waren sie in den Fängen des Berges, Stein- und Eisschlag gefährdete sie, doch sie zögerten keine Sekunde und stiegen immer weiter hinauf. Nur irgendwo in Wandmitte platzte unter den Pickelschlägen des Freundes eine Eisscholle weg und eine merkwürdige Höhlung kam zum Vorschein die Beschreibung, die dann folgte glich der Höhlung, die ich im Felsriegel freigelegt hatte und ein Schrecken fuhr durch meine Glieder, als er sagte, daß der Freund seines Vaters eines der Zwischenwesen getötet hatte. Beide gelangten sie in der einbrechenden Dunkelheit zum Gipfel und sie mußten in den Felsen des Steilabbruches biwakieren. Es war eine stürmische und unruhige Nacht. Am nächsten Tag erwachte sein Vater alleine an der Stelle an der sie sich niedergelegt hatten. Nur noch die Eisaxt und die Kleidung seines Freundes lagen verstreut herum, der Freund selbst war verschwunden und mit Grauen wurde ihm klar, daß der Freund von den Zwischenwesen in den Berg gezogen wurde. Sie hatten ihn geholt und in einen der ihren verwandelt, zur Strafe für seine Tat am Vortag. Der Verzweiflung nahe stieg sein Vater alleine den Steilabbruch ab und er wußte, daß sein Freund für immer verloren war. Doch er glaubte, daß sein Freund versuchen würde aus der Welt der Zwischenwesen zu flüchten und dies war die einzige Möglichkeit für ihn doch noch etwas für seinen Freund zu tun. Er wußte, daß sein Freund ausziehen würde, um das Licht am Ende der Gletscher zu suchen, dort wo die Seracs zu Tal stürzen. Dort wollte er ihn suchen und wenn er ihn dort finden würde, so mußte er den Kopf seines Freundes zerschlagen und in die Form seines Körpers eintreten. Nur so wäre es möglich, daß er wieder unter den Menschen weilen könnte. Sein Vater hatte keine Angst davor, einen toten Mann zu töten und so stieg er zu den Gletscherbrüchen des Roßbodengletschers ab und wankte erschöpft durch diese bizarre Welt, immer auf der Suche nach seinem Freund. Da sah er in der blauen Wand eines Seracs eine silbrige Figur mit Armen und Beinen es war sein Freund, der auf der Flucht vor den Zwischenwesen war und doch schon ihre Welt betreten hatte. Trotzdem war er noch nicht ganz in ihrer Gewalt, denn er hielt sich von ihrem endgültigen Zugriff frei, indem er an der sonnenbeschienenen Oberfläche des Eises blieb von der die Zwischenwesen erschreckt zurückwichen. Der Vater nahm seinen ganzen Mut zusammen und zielte mit seiner Eisaxt auf den Kopf des Freundes, zerschlug das Eis und füllte die Form aus, die er offengelegt hatte. Dann trat er wieder in die Welt von Sonne und Luft hinaus und nahm seinen Freund mit sich. Somit wurde er in seinen Freund verwandelt und sein Freund in ihn, einer lebte im anderen. So endete die Geschichte des Bauern, die Schatten waren inzwischen länger geworden, Holger und ich tranken unseren Wein aus und verabschiedeten uns von dem Mann. Schweigend stiegen wir ab und wirre Gedanken gingen mir durch den Kopf, alles war so unglaublich. Noch Jahre später muß ich an dieses Erlebnis denken, geblieben sind die Erinnerungen und ein Dia mit dem blauen Lichtpunkt in der Nordwand des Fletschhorns.