DIE QUALITÄT DER WEGESRÄNDER oder DIE WELT AUS DEN AUGENWINKELN

Zum Index
Aufwärts
Zu beschreiben ist, wie Erinnerungen entstehen, wie diese langsam wieder verblassen können und manchmal, oft nach Jahren, in einer Frische und Lebhaftigkeit auftauchen, daß mir das Herz weh tut und der Wunsch aufkommt sofort wieder dorthin zu eilen, wo der Ursprung dieser Erinnerung immer noch so vorhanden ist wie er zu dem Zeitpunkt war, als diese sich im Geist verankert hatte. Zu beschreiben ist, was diese Erinnerungsstürme loslösen kann die katalytischen Agenzien sind zu beschreiben, wie zum Beispiel Musik, die ich zum Zeitpunkt eines Erlebnisses hörte und die später alle Facetten und Feinheiten dieses, oft Jahre zurück liegenden, Erlebnisses heraufbeschwören kann. Zu beschreiben ist, daß ich auf Wegen, die in der Vorschau Erinnerungen bergen können, bewußt Musik mitnehme, von der ich vermute, daß sie später als Erinnerungskatalyt wirken kann. Auch Gerüche können diese Wirkung haben. So das Duftgemische aus Pinienzapfen, Piniennadeln, staubigem Sand und Harz, das mich in die kühlen Morgenstunden der ersten Tage meines ersten Aufenthaltes im Yosemite-Valley trägt. Begleitet werde ich in der Erinnerung durch ein Gefühl einer leichten Verlorenheit, einer Orientierungslosigkeit ob des Neuen und Ungekannten, der vibrierenden Spannung vor den geplanten Kletterrouten und der langsamen Realisierung, daß die Bilder, die ich um mich sehe, nicht die Vorstellungen sind, die ich seit fast zehn Jahren in mir getragen habe, die in mir aufkeimten als ich die ersten Berichte und Fotos über das Valley gesehen habe, sondern daß sie erlebte Realität sind so stark empfunden an einem Abend auf der Swan Slab, auf den im Licht des Sonnenuntergangs getauchten Half Dome blickend, wo ich wie im Halbschlaf nicht wußte ob ich träume oder wirklich dort bin wo es mich immer hingeträumt hat, seitdem ich meinen ersten Felsengriff in der Hand gehalten hatte, seitdem mir klar geworden war, daß ich nichts mehr als ein Bergsteiger bin. Und zuletzt ist die Quintessenz aus Allem zu beschreiben, eine Erkenntnis, die auf den ersten Blick im Widerspruch steht zu den Zielen, die ich bewußt verfolge und ich will versuchen zu klären, wie diese Erkenntnis doch zu dem gehört, was ich eigentlich suche und will ohne jetzt zu wissen was es ist. Das Merkwürdige an diesen Erinnerungen ist, daß sie nicht die Ziele konservieren, die ich mir vor einem Unternehmen gesetzt habe. Ziele sind Berge, Routen, Schwierigkeiten, gemeinsame Stunden und Tage des Ringens um einen Berg zusammen mit dem Freund. Solch ein Ziel bringt mich dazu den Rucksack zu packen und loszuziehen. Es motiviert mich dazu mich zu verausgaben und zu riskieren. Dahingestellt ist, ob Erfolg oder Mißerfolg das Ergebnis ist. Es wäre zu erwarten, daß sich die erlebten Situationen beim Erreichen dieser Ziele in den Geist einbrennen zum Beispiel eine schwere Seillänge, der Gipfel, die Angst, die Freude. Doch dem ist nicht so. Denn diese Erinnerungen sind abrufbar wie Erfahrungen, so wie ein Buchhalter sich an monotone Zahlenkolonnen erinnert. Diese Erinnerungen, die auf dem direkten Weg zur Erreichung des Ziels erlangt wurden, sind oft farblos, ohne Geschmack und das Herz bleibt ruhig. Die Erinnerungen, die das Herz bewegen, die stammen vom Wegesrand, kommen aus Situationen und Wahrnehmungen, die nicht bewußt angeblickt worden sind, sondern die aus den Augenwinkeln der nach vorne und auf das Ziel fixierten Augen beobachtet wurden und sich so an dem Bewußtsein vorbeigeschlichen haben um direkt in die Seele Eingang zu finden. Es ist wie bei der Beobachtung von lichtschwachen Nebelflecken durch ein Fernrohr nicht der direkte Blick auf das Objekt läßt es erkennbar werden, sondern nur der indirekte Blick, indem man praktisch vorbeischaut, der ist dafür verantwortlich, daß man das sieht was man eigentlich sehen will das schwache nebulöse Fleckchen, das sonst nicht zu erkennen wäre. Denn die lichtempfindlichen Rezeptoren sitzen irgendwo randlich im Auge und die sind es, die das lichtschwache Fleckchen erkennbar und sichtbar werden lassen. Haben Geist und Seele also auch irgendwo solche Rezeptoren sitzen? Werden diese Rezeptoren nur durch das indirekte Erleben gereizt und sind es die stillen Reize, die wie ein Sommerwind über ein Weizenfeld streifen, die alles in seichte, kaum spürbare Bewegung versetzen, die kaum auffallen aber lange anhalten und manchmal plötzlich auf das Herz fallen um es zu beklemmen, vielleicht sogar die Tränen im Hals spüren lassen. Und aus was setzen sich dann diese Erinnerungen zusammen? Aus Licht, aus Horizonten an denen Berge schweben, aus Weite, aus Landschaften, in denen ich stehe, von Horizont zu Horizont schauend.
Zum Index
Aufwärts