Alex looks back
Damit nicht der Eindruck entsteht, daß wir uns nur in Ettringen herumdrücken, möchte ich zusammenstellen, was einigen von uns in diesem Jahr außerhalb der Steinbrüche in klettertechnischer Hinsicht geglückt (oder auch nicht geglückt) ist. Wer ein eifriger Besucher dieser homepage ist, der hat schon über die Erfolge der Gräf-Brüder an den 6000ern und 5000ern Boliviens gelesen. In der dünnen Luft dort oben haben Frank und Stefan mächtig zugeschlagen und besonders Stefan hat die Leistung der Brüder noch getopt, indem er gegen Ende der Reise noch ein paar Gipfel im Alleingang bestiegen hat. Vom technischen Anspruch mußten auf dem Weg zu den Gipfeln Eispassagen bis 60* gemeistert werden und jeder von uns, der schon einmal in der dünnen Luft dieser Höhenlagen herumgestolpert ist, kann ermessen, daß hier beachtliches geleistet wurde. Zurückgekehrt aus Südamerika lies Stefan nicht locker und setzte seine in Bolivien gewonnene Kondition und Nervenstärke in den Walliser Alpen ein. Im September gelang ihm eine Alleinbegehung des Weißmies-Nordgrates. Eine kühne Nummer, bei der Kletterstellen im IV Grad zu meistern waren und auch der Abstieg über den Triftgletscher, so ganz ohne Seil, dürfte für ein flaues Gefühl in seiner Magengegend gesorgt haben. Sieht ganz nach einer erfüllten Saison für die beiden Recken aus. Gestählt durch regelmäßige Besuche in Ettringen konnte Hartwig Pudzich sich voller Zuversicht einigen seiner Projekte in Fontainebleau widmen. So vorbereitet gelangen ihm verschiedene 6c und 6c+-Boulder, die schon lange auf seiner Liste standen. Mission accomplished kann ich da nur sagen und klar ist, daß ganz nebenbei die Erfüllung der Vorstellungen dazu geführt hat, daß neue Projekte aufgekommen sind, die sicherlich beim nächsten Trip fallen werden. Ähnliches widerfuhr einem unserer unermüdlichsten Routenbauer. Für knapp drei Wochen stöpselte Stefan die Akkus seiner Hilti an die Steckdose und suchte sein Glück im jugoslawischen Paklenica sowie in Finale. Auf diesen Trips gelangen ihm einige Sportklettereien bis 7b+ und damit hat er eindrucksvoll gezeigt, daß er nicht nur bei Heimspielen solide punkten kann und daß sich sein Kletterkönnen beachtlich gemausert hat. Ich schätze, daß wir sportklettertechnisch von Stefan in naher Zukunft noch einiges erfreuliches sehen werden. Und wie ist es bei mir gelaufen? Willkommen im Gemischtwarenladen der Efolge und der Rückschläge. Scheideggwetterhorn NW-Pfeiler in den Berner Alpen und die Routen Excalibur und Elefantenohr, beide an den Wendenstöcken, waren die erklärten Ziele in diesem Jahr. Um die Moral für diese Vorhaben aufzumöbeln ging es im Frühjahr in den Elbsandstein. Auf dem ersten Trip waren Klaus Gerlach und Andi Eisenhauer mit von der Partie und bei feinstem Wetter gelangen uns einige sagenhafte Wege. Andi konnte an der Raaber Nadel die achte Begehung einer neuen Arnold-Tour, die Achterbahn, im lupenreinen Rotpunkt-Stil für sich verbuchen und mir gelangen als Vorsteiger am Polenztalwächter der Hohlspiegel und am Siegfried die Mondlandschaft. Das war ein vielversprechender Anfang und eine zweite Reise in die Sächsische Schweiz diesmal war Marc Stratmann dabei brachte der Hoffnung die Gewißheit, daß es mit der Moral für luftige Vorstiege stimmt. Neben einigen herrlichen Wegen am Bergfreundeturm, der Lokomotive und dem Bloßstock gelang mir die Direkte Superlative am Großen Wehlturm. Das war die anspruchvollste, aufreibendste und zugleich erfüllendste Tour, die mir bisher im Elbsandstein geglückt ist. So vorbereitet richteten wir unsere Augen auf die Alpen, doch bis in den September kam kein wettertechnsich verwertbares Wochenende für die Vorhaben an den Wendenstöcken herum. Anfang September ging es dann mit Klaus Gerlach für zwei Wochen ins Gebirge. Wir begannen mit einer wetterbedingten Schleife über die Berchtesgadener Alpen, kletterten dort an einem Tag am Hochthron die spitzenmäßg gesicherte Renot-Führe und den direkten Einstieg zum Barth-Kamin, der folgende Tag sah uns in der Route" Die Seele brennt" am Rotpalfen im Hochkalter-Massiv. Dort wurden wir durch aufziehendes Schlechtwetter herausgetrieben, unter dem wir taktisch in die Wendenstöcke hindurch tauchen wollten. Doch ein zerfetzter Zahnriemen nagelte uns in Landeck fest, so daß wir per Leihwagen das Rätikon heimsuchen mußten. Die zwei Tage Boxenstop verbrachten wir am Schweizer Eck, dort stiegen wir die Kasama und die Intifada und rechtzeitig vor der nächsten Kaltfront war das Auto wieder fit, sodaß wir etwas niedergeschlagen in Richtung Süden ausweichen konnten. Da diese Front nördlich des Hauptkammes Schnee bis auf 1800 Meter brachte, das über volle drei Tage, war uns klar, daß das Wetterhorn für dieses Jahr gelaufen war. Wir setzten unsere Hoffnungen auf des Bergell und peilten den Cengalo-Pfeiler an. Doch der Blick von Soglio auf die Nordseite von Badile und Cengalo war eine kalte Dusche. Der Schnee lag bis in die Einstiege und pappte daumendick in den Wänden, das kam herb. So fuhren wir ins Val di Mello und dort fand unsere Irrfahrt ein vorläufiges Ende. Fünf Tage feinstes Wetter, bester Granit und Routen, die moralisch sowie klettertechnisch ihren Anspruch hatten besserten unsere Laune. Neben den allbekannten Klassikern wie u. a. Luna Nascente glückte uns am Qualido die Route Artemisia. Der Versuch diese Tour von ihren technischen Stellen zu befreien gelang nur teilweise, die verbleibenden A0-Stellen wären in einem Tag nicht zu erledigen gewesen. Auf dem Rückweg vom Val die Mello statteten wir noch den Wendenstöcken einen Besuch zur Beruhigung unseres Gewissens ab, doch bei wasserüberronnenen Wänden und mit Schnee bis zu den Wandfüßen gab es für uns dort nichts mehr zu holen. Nur am Tellistock war etwas drin, wir stiegen in die Talmud ein, die jedoch enttäuschende Kletterei an noch enttäuschenderem Fels bot. Nach fünf Seillängen hatten wir die Schnauze voll und zogen ab, die nächste Schlechtwetterfront war im Anmarsch und unsere Zeit ging zur Neige. Das war ein Wechselbad und ein erneuter Trip mit Holger Sommer im Oktober in die Berchtesgadener Alpen verlief nicht viel besser. Zwei ganz nette Routen an der Torsäule im Hochköniggebiet liefen bevor die Föhnlage komplett zusammenbrach und der Sturm uns ins Fränkische blies. Was bleibt unterm Strich? Die großen Ziele wurden nicht erreicht, doch wenn ich mir im alpinen Reich die Ziele setze, dann muß ich eben damit rechnen, daß es so laufen kann. Andererseits haben wir in summa doch recht solide zugeschlagen, denn meine momentane dürftige körperliche und mentale Verfassung läßt da keinen anderen Schluß zu. Die schöne Einrichtung des Blickes nach vorne hilft auch über den ersten Frust weg, denn um neue Projekte muß ich mir zunächst keinen Kopf machen, obwohl das kommende Jahr unter einer ganz anderen Überschrift stehen wird. Dazu ein kurzer Bericht von dem phänomenalen Erfolg Marc Stratmanns, der mit mir im letzten Jahr in der Zodiac unterwegs war und in Ettringen kein unbeschriebenes Blatt ist. Ihn zog es wieder ins Yosemite Valley und knapp sechs Wochen lang genoß er dort perfektes Wetter, den perfekten Granit und einen der grandiosesten big walls, den unsere Erde zu bieten hat. Bevor es an den El Cap ging schwelgten Marc und Ria sich zwei klassische Routen in Tuolumne Meadows hinauf den West Crack am Daff Dome und die Regular am Fairview Dome. Für das big wall feeling gab er sich dann noch in zwei Tagen die West Face am Leaning Tower. Dies ist eine genußvolle, sehr ausgesetzte technische Kletterei, die 300 Meter durch bombenfesten Granit führt und mit 5. 7 C2 unterhaltsames Leiterstehen mit einigen wenigen Bastelstellen bietet. Dann war es soweit, zusammen mit dem Belgier Bart Van Broekhoven, den wir letztes Jahr in der Zodiac kennengelernt hatten, stieg er Ende September in die Mescalito am El Cap ein. Mitten durch den unglaublich strukturlosen Wandteil rechts der Nose zieht diese Route hinauf, die Charlie Porter und Konsorten 1973 erstbegangen haben. Kontinuierliche technische Schwierigkeiten, lange und anspruchsvolle hook-Passagen, wilde Quergänge in der seagull-Länge und der Molar Traverse, knackige C3-Passagen und atemberaubende Ausgesetztheit beschäftigten Marc und Bart die nächsten sieben Tage. Gewürzt wurde die ganze Sache dadurch, daß Bart am Anchorage Ledge seine big wall Schuhe in die Tiefe fallen lies und den Rest der Tour mit duct-tape bewehrten Socken kletterte das war bestimmt eine ganz feine Fußreflexzonenmassage. Die letzten beiden Tage wurden für Marc zu einer Prüfung. Da Bart schon in den Wochen zuvor zwei fette big walls unter sich gebracht hatte am Leaning Tower die Wet Denim Day Dreams und am El Cap die Lurking Fear und in der Mescalito die Molar Traverse und einige andere harte Längen, teilweise Nachts im Schein der Stirnlampe, geklettert hatte, kam für ihn auf der Zielgeraden der gefürchtete psyche-out. Da schlug Marcs große Stunde und er kletterte, nicht weniger angeschlagen, die letzten anspruchsvollen Seillängen der Mescalito zum Gipfel. Gerade bei einem der letzten hook-moves in der letzten Länge kam ein Schocker die Schlinge des schon plazierten Talons ging wie von Geisterhand unter der Last von Marc auf und, behangen wie ein Christbaum, flog er mit 1000 Metern Luft unter dem Hintern in den Stand. Die motivierende Adrenalinausschüttung nutzte er dann ganz schamlos aus um die letzte Länge im zweiten Anlauf wie eine Rakete durch zu zischen. Damit lag einer der genialsten Routen am big stone, wenn nicht einer der schönsten big walls dieser Erde, hinter den Beiden. Nach dem Shield 1995 und der Zodiac 1999 ist die Mescalito Marcs dritter big wall Efolg am El Cap und in jeglicher Hinsicht bedeutet diese Route die Krönung seiner bisherigen Taten im Reich der Berge. Wir können nur begeistert aus vollem Herzen gratulieren und daraus für uns eine gehörige Portion Motivation schöpfen. Und so dürfen wir gespannt sein wo es uns 2001 hinführen wird, wenn die Ettringer Steinbrüche uns wieder in die Welt der großen Felsen entlassen. Ich jedenfalls wünsche allen viel Glück bei der Verwirklichung ihrer Projekte in Ettringen oder an den Felsen anderswo.